10. 11. 06

Tag einer Ghostwriterin

Schreiben, schreiben, schreiben - Infos auswerten, formulieren, umsetzen, in die Tasten hauen. Lesen, denken, ändern, weiterschreiben.

Es ist ein Krampf, den man abends in den Fingern hat. Der Kopf ist voll, gelegentlich bricht mal ein wohlgezüchterter Fingernagel ab und ein Fluch entwischt den sinnlichen Lippen, die abends nur noch Lippen sind, ohne das prä-sinn, weil man ständig drauf rumbeißt vor Konzentration. Das Ohr tut weh vom telefonieren, Kundschaft wartet auf nette Worte, auf Lob und nette Kritik, auf das Ja-ja-ich-halte-die-Deadline und auf gepflegten Small Talk, ein Muss, das sein muss.
Nach 12 und mehr Stunden geht endlich der Monitor in sein sattschwarzes Nachthemd, die hier schreibt legt sich in Wanne zum Runterkommen und Kopf leermachen. Dann gehts weiter.

Ich liebe meinen Job - wirklich. Er ist abwechslungreich, spannend, manchmal ein bisschen blöd. Bestimmt aber ist er anstrengend, und das hält Kopf und Körper jung und knackig.

Stichwort Zuverlässigkeit
- besonders im Verkehr der Mails:
Ein eher weniger schöner Punkt, über den ich mich zugegebenermaßen manchmal ärgere. On-the-job heißt promt zu antworten, sobald eine Nachricht kommt. Okay, ich bin lernwillig und habe es mir weitgehend abgewöhnt, seitenlange Statements in Echtzeit abzugeben. Ein Tag muss drin sein, aber ich erlebe es leider zunehmend - im beruflichen wie im privaten Bereich - dass manche es nicht mal nötig haben, kurz den Erhalt einer Mail zu bestätigen geschweige denn auf den Inhalt einzugehen.
Bei Kunden - oder potenziellen Kunden - betrachte ich diese Nichtantwort mittlerweile als konsequentes Da-wird-nix-draus. Kein Problem, wenn es um Banalitäten geht, doch oft ist es so, dass ich schon ne Menge Arbeit in diese Leute reingesteckt habe, den Job, der gerne schon mal per Handschlag zugesagt wird, zeitlich einplane oder Hunderte von Kilometern in Kauf nehme, um vor Ort aufzutauchen - man will ja nicht die Katz im Sack kaufen - und dann hier stehe vs. sitze und nicht mal ne ehrliche Antwort bekomme, wenn ich frage, wat denn nu? Hipp oder Hopp?
Es ist fast so, als würden sich die Menschen schämen, wenn sie sich die Dinge anders überlegen. Und auch noch feige sind, das einfach kurz und bündig auszusprechen. Nee - lieber werden dann höfliche Anfragen ignoriert - die wird sich schon ihren Teil denken.
Dass man mit einem solchen Verhalten keine Freunde gewinnt, ist klar. Und ein Später gibt es oft auch nicht. Nur - warum?

Privat - na ja, ich weiß, dass die wenigsten so permanent am Stuhl kleben wie ich, dass sie vielleicht lieber kurz anklingeln als umständlich im zwei-Finger-Suchsystem die Buchstaben auf der Tastatur zu suchen, dass sie auf dies oder das auch einfach nichts zu sagen haben, weil sie vielleicht in meinen News-Verteiler geraten sind, der kein bisschen persönlich ist, sondern aus reiner Schreibgeilheit durch die Welt geht, aber wozu die Mühe einer virtuellen Korrespondenz, wenn man im Spam-Ordner landet oder erst Wochen später eine Antwort auf die letzte Mail bekommt, die man längst vergessen hat?

Erwarte ich zu viel, nur weil ich mich zu jenen zähle, die auf alles recht zügig Raport geben - na ja, auf das meiste - oder sollte ich mir das einfach angewöhnen und alles, was mir nicht geheuer ist, künftig totschweigen und nicht beantworten?
Ich werde üben müssen, so zu werden, wie ich nicht will, dass andere zu mir sind.
Ein schwerer Weg mit nicht unbeträchtlicher Länge.

Herbstraunen

Der Tag heute ist sonnig mit leichter Bewölkung. Mein Näschen schnuppert alle Kaffeelänge mal in den Garten und fühlt vor, ob sich was dran ändert. Noch sieht es nicht so aus, wie schön. Denn in ein, zwei Stunden gehe ich dahin:

neu-2

Wenn man sich das Bild so betrachtet, könnte man meinen, es hieße "Weg ins Licht". So sieht es hier überall in den Wäldern aus, wenn das Herbstlicht durch die Natur bricht. Im Sommer ist alles viel heller, greller, weniger mysteriös, weil die Sonne höher steht, doch in diesen Tagen durch den Wald zu laufen, das hat was ganz Besonderes. Die Vögel zwitschern nicht mehr so laut, dafür raschelt der Wind in den welkenden Blättern. Ein Geräusch, dass sich wie Honig in meinen Gehörgang legt.
Ich mag den Herbst, manchmal sogar noch lieber als den Sommer. Er glättet die Seele und öffnet die Augen, außerdem kann man es sich abends immer so schrecklich gemütlich machen.

Und genau das werde ich heute und morgen auch tun.

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