15. 11. 06

Und ewig morden die Weiber

Mein aktuelles Projekt gewinnt langsam Struktur, Plot steht, Prots auch, Anfang und Ende sind ausgetüfelt, was fehlt, ist eine prickelnde Nebenhandlung. Und da bietet sich bei diesem Konstrukt das altbewährte Desaster zwischen Mann und Frau an. Schon mehrere Male abgehandelt, aber immer wieder erfrischend, weil ordentlich problembehaftet - Die Hauptfigur und ihr Ex-Mann. Zwei, in ihren jeweiligen Jobs mehr oder weniger erfolgreiche Menschen, die nicht miteinander konnten und sich trennten, sich aber nach Jahren aufgrund des Plots zwangsläufig wieder begegnen und jetzt gefordert sind, da Hand in Hand durchzumarschieren.
Kein einfaches Thema, doch wer K. Slaugthers Pärchen Jeffrey Tolliver und Sara Linton kennt, weiß, was ich meine.

Die Beziehung meiner beiden Experten zu basteln, gestaltet sich schwieriger als die Story selbst. Doch wie packt man das am cleversten an? Irgendeiner muss mehr wollen als der andere, einer ist zögerlicher, einer bereitwilliger, wollen tun beide auf ihre Art, aber es wäre ja langweilig, wenn sie sich gleich einig wären. Doch - wer sollte derjenige sein, der sich zum Affen macht, wer der andere? Und warum ließen sich beide damals überhaupt scheiden - wohin also die Ursache lenken, um die Wirkung zu begründen.
Irgendwie ist mir das Motiv Seitensprung zu schal, doch es hat Tiefe und Präsenz. Meinungsverschiedenheiten sind langweilig, Krankheiten bremsen vielleicht die Handlung, Gewalt ist im Grunden ausgeschlossen ... und ernst sollte man die beiden schon noch nehmen, deshalb fallen künstliche Diskrepanzen flach.

Man, ist das schwer. Aber ich hab ja keine Eile ...

Make my day

Leute gibt's, die gibt's gar nicht. Vorgestern Abend gehe ich kurz vor Ladenschluss noch einkaufen. Den ganzen Tag hab ich das vor mir hergeschoben, weil es zu den Dingen gehört, die ich tunlichst zu umgehen versuche - aber gut, muss auch mal erledigt werden. Eigentlich bin ich ein angenehmer Kunde, auch für die anderen. Mein Wagen ist nie übermäßig voll, erst steht immer dicht neben mir und blockiert nicht die Wege zwischen den Regalen und weil ich in meinem Stammgeschäft viele Leute kenne und gerne mal auf einen Plausch stehen bleibe, ist der Abend ideal, wenn man an der Kasse oder am Obst herzerfrischenden Small Talk halten kann. So auch vorgestern. Kaum Leute da, hier ein Wörtchen, da ein Lachen, dort ein Bussi ... und beim Metzger stand, ich sah es schon vom Obst, nur ein Kunde. Ich also hin, denn es gibt kaum was, das ich mehr verabscheue als das Warten vor der Fleischtheke (Grund, um Vegetarier zu werden quasi).
Während ich mich dort aufbaue und interessiert die Angebote an der Wand hinter den Verkäufern inhaliere, wird der Vor-mir fertig und geht. Die weiß bekleidete Bedienung wischt vor sich hin und als ich mich entschieden hatte und sie wieder hochblickt, kommt von hinten ein alter Mensch angerauscht, männlich, einen Kopf größer und erstaunlich aufrecht laufend - und wir beginnen synchron zu sprechen. Er - laut und dominant: "Die Wurst!" und zeigt auf einen Kringel Irgendwas, während mir das etwas leisere "I..." - der Beginn meines freundlichen "Ich hätte gerne..." - im Hals stecken bleibt.
Die gute Frau schaut mich von seitlich unten an und zieht kaum merklich die Schultern nach oben, packt ihm den Kringel ein, klebt das Preisdinges drauf und er rauscht an mir vorbei, natürlich nicht ohne meinem Einkaufswagen mit der künstlichen Hüfte noch eine zu verpassen, der mir daraufhin schmerzhaft in die Eingeweide schlägt.

Es kommt nur selten vor, dass ich sprachlos bin, oder auch mal richtig wütend werde. Mein Einkaufsgemüt ist ein herzliches und ich hatte bisher nie ein Problem damit, wenn mal jemand vorgezogen wurde, der lauter zu Sache ging - wer schreit, hat nämlich Recht! - und mit einem gefüllteren Einkaufwagen denen hinter mir, die nur ein, zwei Sachen in der Hand haben, den Vortritt zu geben, ist schon Standard. Aber einerseits bin ich noch nie an einer leeren Metzgertheke nach hinten gedrängelt worden und anderseits habe ich zur Belohnung dafür auch noch nie mit dem EK-Wagen kämpfen müssen. Ich war also richtig baff, und als die staunende Gesichtsstarre lief, musste ich erst mal richtig lachen, obwohl ich eigentlich sauer war.

An der Kasse trafen wir uns wieder. Mr. „Ich will aber erster“ – natürlich wieder vor mir – zur Recht diesmal. Ich überlege kurz, ob ich den Kassierer auf meine Seite ziehe und er mir dabei helfen kann, den asozialen Penner mit den Manieren einer Stallsau irgendwie zu ärgern, doch mein Lass-ma-Gefühl dominiert. Noch während P. meine Sachen über den Scanner zieht, heule ich mich kurz bei ihm aus und schaue nach draußen in die Dunkelheit, dem Deppen nach. Plötzlich strauchelt er gemeingefährlich, geht kurz in die Knie, man sieht Lippebewegungen, die Flüche formulieren, und humpelt dann am Schaufenster vorbei Richtung Parkplatz – natürlich nicht, ohne noch mal kurz in den Laden zu schauen, wo er auf mein wohlgefälliges Grinsen traf. Plan B, ihm hinterher zu eilen und ihm kurz die eingebaute Vorfahrt meines Benz mit gleicher Kraft in den Arsch zu jagen, wie er mir den EK-Wagen in die Innereien, wird fallen gelassen und kommt nicht mehr zur Anwendung.

Es gibt doch eine höhere Gerechtigkeit – und sie kann einem einen Montagabend sehr versüßen.

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