Frauen und Häuser
Das ist mir heute aus den Fingern gerutscht, sorry.
Frau Haus Frau
„Frau Haus, zum Diktat!“
Der schrille Ton aus der Sprechanlage duldet keine Widerworte und drängt zur Eile. Agathe Haus greift wie gewohnt zu Notizblock und Stift, atmet tief durch, eilt zu Herr Schmier, ihrem Chef. Wie sie ihn hasst, diesen schmierigen Schnösel im teuren Anzug, der nur reich ist, weil sie ihre Arbeit macht für XXL-Finanz. Und das Wort Bitte kennt er nicht, der Arroganzler. Danke auch nicht.
Fünfzehn Minuten später sitzt sie wieder an ihrem Schreibtisch. Die Uhr im Computer sagt, dass jetzt Feierabend ist. Neidisch schaut sie den Kolleginnen nach, die gackernd ihre Sachen packen und sich zum Chillout beim Griechen an der Ecke verabreden, wie jeden Freitagabend. Sie nicken ihr kurz zu, wie man das halt so macht, wenn man nicht ganz unfreundlich sein wil. Bis sie fertig ist, sind die anderen längst wieder daheim und freuen sich aufs Wochenende.
Vor ihr liegt Chefsekretärin-Sache, und später ein Daheim, das sie nicht will. Brisant und eilig, brutal und leer, passen tut alles auf alles. Und nicht ganz koscher, wie so oft. Wieder wird sie dafür sorgen, dass der Mistkerl hinter der gedämmten Eichetür ein Stück weiter nach oben rutscht. Und wieder wird der andere Mistkerl nur auf ihr rumhacken. Dank für ihre Arbeit erwartet sie nicht mehr.
Es ist nach 18 Uhr, als Agathe Haus endlich das Büro verlässt. Traurig verabschiedet sie sich von den erkalteten, leeren Arbeitsplätzen. Freunde hat sie keine, und die Kollegen sind keine Kollegen, denn es gibt kein gemeinsames Kommen und Gehen. Jetzt aber schnell. Um sieben schließen die Geschäfte und einkaufen muss sie auch noch.
Die U-Bahn ist nicht mehr so voll, Spätpendler, Frühjunkies und Einsame sitzen verloren auf abgewetzten Bänken und starren ins Nichts. Endstation, wenn es doch so wäre, doch Agatha Haus verlässt den Mief des Untergrunds und steigt ans Tageslicht, das längst ausgegangen ist, vom Abend gelöscht. Noch zwei Blocks, vorher schnell in den Markt und dann die Tüten heimschleppen.
Endlich steht sie vor der Wohnungstür, links zwei Tüten, rechts zwei Tüten, die Handtasche geschultert und das Kinn an der Klingel. Schon jetzt weiß sie, dass ihr keiner öffnen wird. Sie hört das Geschrei der Kinder drinnen, der Fernseher brüllt mit und versucht den schimpfenden Herr Haus zu übertönen, doch er schafft es nicht.
Agathe Haus schließt für einen Augenblick die Augen, um die sich viele Falten in den letzten Jahren versammelt haben, um den Zerfall des Bindgewebes zu feiern. Dann stellt sie die Tüten ab, sucht den Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnet sich selbst.
Krawall kommt ihr wie eine Orkanböe entgegen. Eine Tür kracht zu, etwas fliegt durch den Flur und trifft den Spiegel neben ihr. In der Wohnzimmertür taucht Herr Haus auf – im fleckigen Ripphemd und verwaschenen Trainingshosen. Er wankt, in der rechten Hand hält er eine Flasche Bier.
„Wird Zeit, dass du heimkommst, du Schlampe. Ich hab Hunger. Und überhaupt, wie’s hier aussieht … du taugst nicht mal zum Putzen.“ Spricht er und verschwindet wieder.
Agathe Haus ist müde, so unglaublich müde. Sie will schlafen, sich einfach irgendwo hinlegen und schlafen und nie wieder aufstehen.
Zwei Kinder rennen ihr entgegen, zankend und zeternd. Das Mädchen weint, der Junge schreit. Alle Sorgen von zwei Kindertagen prasseln auf sie nieder, während sie die Jacke auszieht und die Schuhe. Versucht zu lächeln, doch ein Lächeln ist das nicht. Was soll nur aus ihnen werden? Liebe gibt es hier schon lange keine mehr. Sie schickt sie in ihre Zimmer. Ich rufe, wenn das Essen fertig ist, sagt sie noch, wie jeden Abend.
„Bring mir mal’n Bier, aber dalli“, tönt es aus dem Wohnzimmer, „und mach endlich was zu essen, verdammt.“
Wie sie ihn hasst, diesen Timbre. Schmerz bereitend und verachtend, die einzige Emotion, die mitschwingt, ist Wut, geboren aus Hilflosigkeit und Schwäche. Was kann sie dafür, dass er keine Arbeit findet? Was kann sie dafür, dass er nicht arbeiten will? Einer muss doch auf die Kinder aufpassen, sie sind noch so klein, sie verwahrlosen mehr und mehr.
Agathe Haus tut, was sie immer tut, tun muss. Geht in die Küche, räumt die Einkäufe aus, ignoriert den ungepflegten Mann, der im Wohnzimmer brüllt und gleich hinter ihr stehen und sie verdreschen wird, wenigstens herumschubsen, weil sie nicht gehorcht, wie sie soll. Sie packt Nudeln und Soße aus, es muss abends immer schnell gehen, weil die Kinder doch den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen haben. Sie holt zwei Töpfe aus dem Schrank, stellt den Herd an, lässt Wasser in die Töpfe.
Da sind schon die kräftigen Finger, die sie am Arm rumreißen.
„Hast du was mit’n Ohr’n? Wo ist mein Bier, verflucht.“
„Im Keller, wenn hier oben keins mehr ist.“ Agathe Haus staunt über sich selbst. Solche Antworten ist sie nicht gewohnt, nicht von sich selbst.
„Und was machst du dann noch hier? Los, hol mir …“
„Was denn nun, kochen oder Bier holen? Ich hab auch nur zwei Hände.“
Da macht aber einer ein dummes Gesicht. Dreht sich rum und wankt zur Wohnungstür. „Sprechen uns gleich noch, Missgeburt.“
Ob wir das tun? Agathe Haus schaut dem Kerl hinterher, den sie vor Jahren mal geliebt hat. War das wirklich so, ist das der gleiche Mann, den ich in guten und in schlechten Zeiten nehmen wollte? Wenn da nicht die Kinder wären, aber einer muss ja arbeiten gehen, alles ist so teuer und der Staat lässt die Armen hungern.
Sie geht langsam hinter ihm her, bis zur Tür. Er steht schon auf der Treppe, als er sich umdreht und sie bitter ansieht.
„Was is? Willst doch gehen? Vergiss es, jetzt lauf ich selber. Und wenn ich wiederkomme, gibt’s was auf die Zwölf.“ Das weiß sie doch längst, warum sonst hat sie so viel Make-up im Bad stehen?
Agathe Haus geht zwei Schritte weiter vor, bleibt vor Herr Haus stehen und versucht ein Lächeln wie seit Jahren nicht mehr. Versucht sich an den Blick zu erinnern, mit dem sie ihn damals angeschaut hat, als er ihr den Antrag machte. Damals … ist das wirklich in ihrem Leben passiert oder vertut sie sich da?
Zärtlich legt sie ihre Hand auf seine behaarte Schulter, sieht den staunenden Blick aus glasigen Augen auf sich ruhen, riecht den alten Schweiß, der sich mit Alkohol vermischt und den Duft ihrer persönlichen Gosse kreiert. Alles ist irgendwann einmal vorbei, nicht wahr, mein Lieber? Dann stößt sie zu.
***
„Geht es Ihnen gut?“ Wie lange hat sie das keiner mehr gefragt, ob es ihr gut gehe.
„Ja“, sagt Agathe Haus und sie meint es ehrlich. „Es geht mir gut, fahren Sie ruhig, ich komme klar.“ Oma und Opa haben die Kinder mitgenommen, das ist besser so. Und der Gerichtsmediziner Herr Haus. Besoffen die Treppe hinabgestürzt, Todesursache Genickbruch. Ein tragischer Unfall, aber das musste ja so kommen. War im ganzen Haus dafür bekannt, dass er die arme Frau arbeiten schickte und abends auch noch drangsalierte, der faule Sack. Was hat sie alles mitgemacht, und die Kinder erst. Anstatt ihr zu helfen, wo er doch schon arbeitslos war; den lieben langen Tag hat er nur vorm Fernseher gehangen und Bierflaschen geleert. Recht geschieht es dem, solche Leute müssen ja so enden. Ihr wird’s besser gehen, der armen Frau Haus, ohne ihn, und den Kindern auch.
Agatha hört, was die anderen flüstern. Nachbarn, sie sie kaum kennt, mit denen sie nie redet, die bis jetzt taub, blind und stumm waren. Sie kümmert sich nicht drum. Was wissen die schon? Geholfen hat auch nie einer, sollen sie sich doch ihr Mitleid sonst wohin stecken, die Ignoranten.
Endlich, Stunden später, sind alle weg und Ruhe kehrt ein. Agatha fängt an, die Wohnung aufzuräumen. Bierflaschen zum Leergut, Müll in den Container, Staub runter von den Möbeln, Fenster polieren, Teppich saugen, Boden wischen, Wäsche in die Maschine, Geschirr spülen … irgendwann ist sie zufrieden mit dem Ergebnis. So sauber war es lange nicht hier.
Es ist früh am Morgen, die Sonne blinzelt verschlafen durch die streifenlosen Fenster auf Agathe, die in löchrigen Perlonstrümpfen, die ihr beim Schrubben der Böden zerrissen sind, und dem Bürokostüm von gestern auf der Couch sitzt. Vor sich ein paar wichtige Unterlagen, im Gesicht ein Lächeln. Es hat doch was Gutes gehabt, immer arbeiten zu gehen, so konnte wenigstens die Lebensversicherung bezahlt werden.
Etwas will sie noch tun, bevor sie sich der Müdigkeit ergibt, die auf ihren Schultern hockt. Wie sagt Schmier immer? Erfolg ist das Ergebnis von Tun, wer nichts tut, wird nie erfolgreich sein. Wie recht er doch hat.
Sie greift zum Telefon und wählt die Nummer ihrer Firma. Es ist Samstag und sie weiß, dass gleich der verständnisvollste aller Angestellten dort abnehmen und ihr geduldig zuhören wird.
„Guten Tag! Hier spricht der Anrufbeantworter der Firma XXL-Finanz. Sie sind mit dem persönlichen Anschluss des Geschäftsinhabers verbunden, rufen aber außerhalb unserer Bürozeiten an. Hinterlassen Sie nach dem Ton Ihre Nachricht und Telefonnummer, Herr Schmier wird Sie umgehend kontaktieren. --- Piep.“
„Hier ist Frau Haus, die Chefsekretärin, ehemalige. Ich kündige. Ab sofort und fristlos. Sollten Sie Interesse am Fortbestand der Firma haben, Herr Schmier, erwarte ich eine angemessene Ablösesumme auf mein Gehaltskonto. Sagen wir, etwa in Höhe des Gewinns der letzten Aktion, die ich für sie erledigt habe. Andernfalls erhält die Staatsanwaltschaft in den kommenden Tagen einen dicken Umschlag mit Informationen, die dazu führen werden, dass XXL-Finanz bald Geschichte ist. Und fragen Sie nie wieder nach Frau Haus, denn die schult um. Zur Haus-Frau.“
Wohlig gelaunt legt Agathe auf und lehnt sich zurück. Wie gut, dass das alles im Leben zwei Seiten hat. Und wie immer hat sie gut gearbeitet. Hat getan. Denn erfolgreich ist, wer tut. Jetzt kann sie endlich schlafen gehen.
Frau Haus Frau
„Frau Haus, zum Diktat!“
Der schrille Ton aus der Sprechanlage duldet keine Widerworte und drängt zur Eile. Agathe Haus greift wie gewohnt zu Notizblock und Stift, atmet tief durch, eilt zu Herr Schmier, ihrem Chef. Wie sie ihn hasst, diesen schmierigen Schnösel im teuren Anzug, der nur reich ist, weil sie ihre Arbeit macht für XXL-Finanz. Und das Wort Bitte kennt er nicht, der Arroganzler. Danke auch nicht.
Fünfzehn Minuten später sitzt sie wieder an ihrem Schreibtisch. Die Uhr im Computer sagt, dass jetzt Feierabend ist. Neidisch schaut sie den Kolleginnen nach, die gackernd ihre Sachen packen und sich zum Chillout beim Griechen an der Ecke verabreden, wie jeden Freitagabend. Sie nicken ihr kurz zu, wie man das halt so macht, wenn man nicht ganz unfreundlich sein wil. Bis sie fertig ist, sind die anderen längst wieder daheim und freuen sich aufs Wochenende.
Vor ihr liegt Chefsekretärin-Sache, und später ein Daheim, das sie nicht will. Brisant und eilig, brutal und leer, passen tut alles auf alles. Und nicht ganz koscher, wie so oft. Wieder wird sie dafür sorgen, dass der Mistkerl hinter der gedämmten Eichetür ein Stück weiter nach oben rutscht. Und wieder wird der andere Mistkerl nur auf ihr rumhacken. Dank für ihre Arbeit erwartet sie nicht mehr.
Es ist nach 18 Uhr, als Agathe Haus endlich das Büro verlässt. Traurig verabschiedet sie sich von den erkalteten, leeren Arbeitsplätzen. Freunde hat sie keine, und die Kollegen sind keine Kollegen, denn es gibt kein gemeinsames Kommen und Gehen. Jetzt aber schnell. Um sieben schließen die Geschäfte und einkaufen muss sie auch noch.
Die U-Bahn ist nicht mehr so voll, Spätpendler, Frühjunkies und Einsame sitzen verloren auf abgewetzten Bänken und starren ins Nichts. Endstation, wenn es doch so wäre, doch Agatha Haus verlässt den Mief des Untergrunds und steigt ans Tageslicht, das längst ausgegangen ist, vom Abend gelöscht. Noch zwei Blocks, vorher schnell in den Markt und dann die Tüten heimschleppen.
Endlich steht sie vor der Wohnungstür, links zwei Tüten, rechts zwei Tüten, die Handtasche geschultert und das Kinn an der Klingel. Schon jetzt weiß sie, dass ihr keiner öffnen wird. Sie hört das Geschrei der Kinder drinnen, der Fernseher brüllt mit und versucht den schimpfenden Herr Haus zu übertönen, doch er schafft es nicht.
Agathe Haus schließt für einen Augenblick die Augen, um die sich viele Falten in den letzten Jahren versammelt haben, um den Zerfall des Bindgewebes zu feiern. Dann stellt sie die Tüten ab, sucht den Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnet sich selbst.
Krawall kommt ihr wie eine Orkanböe entgegen. Eine Tür kracht zu, etwas fliegt durch den Flur und trifft den Spiegel neben ihr. In der Wohnzimmertür taucht Herr Haus auf – im fleckigen Ripphemd und verwaschenen Trainingshosen. Er wankt, in der rechten Hand hält er eine Flasche Bier.
„Wird Zeit, dass du heimkommst, du Schlampe. Ich hab Hunger. Und überhaupt, wie’s hier aussieht … du taugst nicht mal zum Putzen.“ Spricht er und verschwindet wieder.
Agathe Haus ist müde, so unglaublich müde. Sie will schlafen, sich einfach irgendwo hinlegen und schlafen und nie wieder aufstehen.
Zwei Kinder rennen ihr entgegen, zankend und zeternd. Das Mädchen weint, der Junge schreit. Alle Sorgen von zwei Kindertagen prasseln auf sie nieder, während sie die Jacke auszieht und die Schuhe. Versucht zu lächeln, doch ein Lächeln ist das nicht. Was soll nur aus ihnen werden? Liebe gibt es hier schon lange keine mehr. Sie schickt sie in ihre Zimmer. Ich rufe, wenn das Essen fertig ist, sagt sie noch, wie jeden Abend.
„Bring mir mal’n Bier, aber dalli“, tönt es aus dem Wohnzimmer, „und mach endlich was zu essen, verdammt.“
Wie sie ihn hasst, diesen Timbre. Schmerz bereitend und verachtend, die einzige Emotion, die mitschwingt, ist Wut, geboren aus Hilflosigkeit und Schwäche. Was kann sie dafür, dass er keine Arbeit findet? Was kann sie dafür, dass er nicht arbeiten will? Einer muss doch auf die Kinder aufpassen, sie sind noch so klein, sie verwahrlosen mehr und mehr.
Agathe Haus tut, was sie immer tut, tun muss. Geht in die Küche, räumt die Einkäufe aus, ignoriert den ungepflegten Mann, der im Wohnzimmer brüllt und gleich hinter ihr stehen und sie verdreschen wird, wenigstens herumschubsen, weil sie nicht gehorcht, wie sie soll. Sie packt Nudeln und Soße aus, es muss abends immer schnell gehen, weil die Kinder doch den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen haben. Sie holt zwei Töpfe aus dem Schrank, stellt den Herd an, lässt Wasser in die Töpfe.
Da sind schon die kräftigen Finger, die sie am Arm rumreißen.
„Hast du was mit’n Ohr’n? Wo ist mein Bier, verflucht.“
„Im Keller, wenn hier oben keins mehr ist.“ Agathe Haus staunt über sich selbst. Solche Antworten ist sie nicht gewohnt, nicht von sich selbst.
„Und was machst du dann noch hier? Los, hol mir …“
„Was denn nun, kochen oder Bier holen? Ich hab auch nur zwei Hände.“
Da macht aber einer ein dummes Gesicht. Dreht sich rum und wankt zur Wohnungstür. „Sprechen uns gleich noch, Missgeburt.“
Ob wir das tun? Agathe Haus schaut dem Kerl hinterher, den sie vor Jahren mal geliebt hat. War das wirklich so, ist das der gleiche Mann, den ich in guten und in schlechten Zeiten nehmen wollte? Wenn da nicht die Kinder wären, aber einer muss ja arbeiten gehen, alles ist so teuer und der Staat lässt die Armen hungern.
Sie geht langsam hinter ihm her, bis zur Tür. Er steht schon auf der Treppe, als er sich umdreht und sie bitter ansieht.
„Was is? Willst doch gehen? Vergiss es, jetzt lauf ich selber. Und wenn ich wiederkomme, gibt’s was auf die Zwölf.“ Das weiß sie doch längst, warum sonst hat sie so viel Make-up im Bad stehen?
Agathe Haus geht zwei Schritte weiter vor, bleibt vor Herr Haus stehen und versucht ein Lächeln wie seit Jahren nicht mehr. Versucht sich an den Blick zu erinnern, mit dem sie ihn damals angeschaut hat, als er ihr den Antrag machte. Damals … ist das wirklich in ihrem Leben passiert oder vertut sie sich da?
Zärtlich legt sie ihre Hand auf seine behaarte Schulter, sieht den staunenden Blick aus glasigen Augen auf sich ruhen, riecht den alten Schweiß, der sich mit Alkohol vermischt und den Duft ihrer persönlichen Gosse kreiert. Alles ist irgendwann einmal vorbei, nicht wahr, mein Lieber? Dann stößt sie zu.
***
„Geht es Ihnen gut?“ Wie lange hat sie das keiner mehr gefragt, ob es ihr gut gehe.
„Ja“, sagt Agathe Haus und sie meint es ehrlich. „Es geht mir gut, fahren Sie ruhig, ich komme klar.“ Oma und Opa haben die Kinder mitgenommen, das ist besser so. Und der Gerichtsmediziner Herr Haus. Besoffen die Treppe hinabgestürzt, Todesursache Genickbruch. Ein tragischer Unfall, aber das musste ja so kommen. War im ganzen Haus dafür bekannt, dass er die arme Frau arbeiten schickte und abends auch noch drangsalierte, der faule Sack. Was hat sie alles mitgemacht, und die Kinder erst. Anstatt ihr zu helfen, wo er doch schon arbeitslos war; den lieben langen Tag hat er nur vorm Fernseher gehangen und Bierflaschen geleert. Recht geschieht es dem, solche Leute müssen ja so enden. Ihr wird’s besser gehen, der armen Frau Haus, ohne ihn, und den Kindern auch.
Agatha hört, was die anderen flüstern. Nachbarn, sie sie kaum kennt, mit denen sie nie redet, die bis jetzt taub, blind und stumm waren. Sie kümmert sich nicht drum. Was wissen die schon? Geholfen hat auch nie einer, sollen sie sich doch ihr Mitleid sonst wohin stecken, die Ignoranten.
Endlich, Stunden später, sind alle weg und Ruhe kehrt ein. Agatha fängt an, die Wohnung aufzuräumen. Bierflaschen zum Leergut, Müll in den Container, Staub runter von den Möbeln, Fenster polieren, Teppich saugen, Boden wischen, Wäsche in die Maschine, Geschirr spülen … irgendwann ist sie zufrieden mit dem Ergebnis. So sauber war es lange nicht hier.
Es ist früh am Morgen, die Sonne blinzelt verschlafen durch die streifenlosen Fenster auf Agathe, die in löchrigen Perlonstrümpfen, die ihr beim Schrubben der Böden zerrissen sind, und dem Bürokostüm von gestern auf der Couch sitzt. Vor sich ein paar wichtige Unterlagen, im Gesicht ein Lächeln. Es hat doch was Gutes gehabt, immer arbeiten zu gehen, so konnte wenigstens die Lebensversicherung bezahlt werden.
Etwas will sie noch tun, bevor sie sich der Müdigkeit ergibt, die auf ihren Schultern hockt. Wie sagt Schmier immer? Erfolg ist das Ergebnis von Tun, wer nichts tut, wird nie erfolgreich sein. Wie recht er doch hat.
Sie greift zum Telefon und wählt die Nummer ihrer Firma. Es ist Samstag und sie weiß, dass gleich der verständnisvollste aller Angestellten dort abnehmen und ihr geduldig zuhören wird.
„Guten Tag! Hier spricht der Anrufbeantworter der Firma XXL-Finanz. Sie sind mit dem persönlichen Anschluss des Geschäftsinhabers verbunden, rufen aber außerhalb unserer Bürozeiten an. Hinterlassen Sie nach dem Ton Ihre Nachricht und Telefonnummer, Herr Schmier wird Sie umgehend kontaktieren. --- Piep.“
„Hier ist Frau Haus, die Chefsekretärin, ehemalige. Ich kündige. Ab sofort und fristlos. Sollten Sie Interesse am Fortbestand der Firma haben, Herr Schmier, erwarte ich eine angemessene Ablösesumme auf mein Gehaltskonto. Sagen wir, etwa in Höhe des Gewinns der letzten Aktion, die ich für sie erledigt habe. Andernfalls erhält die Staatsanwaltschaft in den kommenden Tagen einen dicken Umschlag mit Informationen, die dazu führen werden, dass XXL-Finanz bald Geschichte ist. Und fragen Sie nie wieder nach Frau Haus, denn die schult um. Zur Haus-Frau.“
Wohlig gelaunt legt Agathe auf und lehnt sich zurück. Wie gut, dass das alles im Leben zwei Seiten hat. Und wie immer hat sie gut gearbeitet. Hat getan. Denn erfolgreich ist, wer tut. Jetzt kann sie endlich schlafen gehen.
SabineD - Jan 19, 21:55
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