18. 02. 07

Nur weg

Langsam dämmert es. Der Tag war nicht dein Freund, zu hell, zu aktiv, zu laut zog er an dir vorbei. Jetzt wird er müde und greift nach der Dunkelheit, deckt sich zu und möchte schlafen. Doch tief in dir beginnen Regungen, die dich hochtreiben. Der kommende Abend ist dein Gemahl, der dich liebevoll empfängt. Langsame Schritte werden energischer, du greifst nach deinen Schuhen, verlässt das Haus, gehst dorthin, wo jetzt niemand mehr ist, denn die Dämmerung jagt jeden nach Hause. Deine Schritte werden schneller, rhythmischer, bis sie im Takt mit deinem Atem sind und deine Ohren aufhören, das Brummen der Autos wahrzunehmen, die so weit entfernt von dir Menschen transportieren – wohin, das interessiert dich nicht. Dein Blut rauscht durch deinen Körper, dein Herz klopft gegen deine Brust und du freust dich darüber, dass du es wieder spürst, dass du in diesem Moment eins bist mit ihm.
Kalte Luft streift dein Gesicht, dringt in deinen Körper, der die erwärmt, fast zum Kochen bringt und dich schwitzen lässt. Deine Beine jagen nach vorne, du spürst deine Muskeln, die deinem energischen Befehl folgen; sie kennen dich gut. So gut wie dein Herz dich kennt, das dir vertraut, das darauf vertraut, dass du ihm niemals schaden würdest.
Ballast bleibt hinter dir. Kein schlechter Gedanken hat jetzt noch eine Chance, Schritt mit dir zu halten, keine Sorge ist so schnell wie du und du tust in diesem Moment das, was du schon lange wolltest: Du läufst allem davon. Nimmst deine Beine und läufst einfach davon. Vor Menschen, die dir nicht guttun, vor Gedanken, die dich nicht loslassen, vor Situationen, die dich gefangen nehmen und vielleicht auch ein bisschen vor dir selbst. Du läufst und läufst und wirst eins mit der Straße, wirst ein Teil von ihr, die sie dich trägt und immer wieder wegführt von allem, was du nicht willst.
Doch deine Lunge beginnt zu brennen, deine Muskeln schreien lautlos in die kommende Nacht, dein Schweiß bedeckt jeden Zentimeter deiner Haut und du möchtest aufgeben, anhalten, dich ergeben und die Schwäche zulassen, die dich in die Knie zwingen will.
Ein Gedanke flackert in dir auf: Wo wird mich das hinführen? Doch du kennst die Antwort schon. Es gibt nur ein Ziel auf dieser verdammten Welt, für das es sich lohnt, wegzulaufen. Und dieses Ziel bist du selbst. Denn wenn du dieses Ziel erreichst, weißt du, dass sich die Strapazen gelohnt haben. Also lauf, lauf weiter, kämpfe nicht gegen das, was hinter dir liegt, kämpfe für das, was du erreichen kannst. Denn wirklich eins bist du nur, wenn du dich selbst erreichst.


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