Schnee
Schneehasenjäger
Der Rolf hat um die Jahreszeit immer gesagt, jetzt kämen bald wieder die Schneehasen und dann wär’ das Leben echt ziemlich schön hier. Hat er gesagt, als er noch hier war.
Aber seit ein paar Jahren bin ich allein in der Stadt hier, die im Sommer so tot ist wie JFK. Wird schon seinen Grund haben, warum es hier Winterberg heißt. Vermutlich, weil hier nur im Winter alles am Berg ist. Hab nie drüber nachgedacht.
Aber das ist schon okay so, das mit dem Alleinsein, denn gelegentlich kommt der Frank nach mir schauen und dann vögeln wir auch. Frank ist Polizist hier. Kein besonders schöner, nicht mal ein besonders schlauer, aber er hat wohl einen Narren an mir gefressen seit damals. Seit Rolf verschwunden ist.
Das Bild von Rolf steht noch im Wohnzimmer auf dem Kamin. Immer, wenn ich es anschaue, denk ich drüber nach, ob das wohl alles so richtig ist. Ich denk dann, geht so, könnt’ aber besser sein.
Ich hab das Bild damals selbst gemacht, oben am Skiliftkarussell, oder wie die das nennen. Der Lift war immer sein Ein und Alles. Jeden Winter war er da oben und hat das Ding am Laufen gehalten und den Schlampen nachgesehen. Den Schneehasen, wie er sie genannt hat. Und nicht nur nachgesehen, der Dreckskerl. Er hat es wohl ziemlich geliebt, im Winter da oben zu sein. Weil, im Rest vom Jahr musste er sich ja mit mir begnügen.
Das mit dem Bild muss so Weihnachten 2000 gewesen sein. Genau, in dem Winter war’s. Kurz, bevor er verschwand. Ich hab ihm die Kamera schenken müssen und es auch getan. Okay, er hat immerhin auch kurz so getan, als würd’ er sich freuen. Aber er wollt’ sie ja haben und hat schon auf St. Martin gesagt, mit was anderem bräucht ich gar nicht erst zu kommen unterm Weihnachtsbaum. War nicht so einfach, das neumodische Ding zu besorgen. Und teuer war die ...
Irgendwann zwischen den Jahren, als am Lift so richtig die Post abging, hat er gesagt, Moni, kommst gegen Drei mal zum Lift und machst mal ein paar Bilder von deinem Meister. Wie er so bei der Arbeit ist und so. Meister hat er sich selbst genannt, der Depp.
Dass ich so gegen Drei hier unten im Café nicht grad vor Langeweile in der Nase gebohrt habe, wollt er nicht hören, hätt’ ihn auch gar nicht interessiert, den Meister. Ich also hoch zum Lift und Fotos gemacht. Digitale. Und mich beschimpfen lassen, weil das nicht gleich so geklappt hat.
Das hat er immer gern gemacht, der Rolf. Mich beschimpft, besonders, wenn noch ne Menge Touris dabei waren. Ob oben am Lift oder hier unten im Café – Hauptsache, es waren genug Leute dabei und er konnte jedem zeigen, wo der Hammer hing. Besonders, wo seiner hing.
Ich hab mir manchmal gewünscht, die Touris wären immer da, obwohl ich die nie leiden konnte. Nicht nur im Winter und nicht nur im Café und am Lift. Auch im Sommer und bei uns im Haus. Weil, wenn dann niemand mehr da war, vor dem er mich ausschimpfen konnte, dann hat er oft auch geschlagen. Um sich geschlagen - und vor allem mich.
Muss heut’ noch lachen, wenn ich dran denke, wie oft ich mit der Sonnenbrille rumgelaufen bin – auch wenn’s geregnet hat - und den Nachbarn was erzählt hab’; ich wär’ halt mal wieder die Treppe runtergefallen oder hätt’ ne Tür in die Fresse gekriegt, die unter Zug stand. Klar wusst’ ich, dass die mir das nicht abkaufen. Aber was hätt’ ich sagen sollen? Der Alte verkloppt mich nach allen Regeln der Kunst? Das hätt’ die doch nicht gejuckt, also hab ich Klein-Doofi gespielt, wie sich’s so gehört.
Jetzt schau ich da raus und weiß, es geht bald wieder los. Oben auf’m Berg beim Skilift machen sie schon die Kanonen klar, weil der Schnee natürlich mal wieder nicht reicht. Ist schon komisch mit den Jahreszeiten; im Sommer fehlt’s an Sonne, im Winter an Schnee und zwischendrin ist auch nur alles trübe Suppe. Frag mich manchmal, wo die Jahreszeiten hin abgehauen sind und ob die Menschen sie verscheucht haben. Mit so’nem Scheiß wie FCKW und Mord am Regenwald und so. Aber was interessiert’s mich?
Im Januar waren’s drei Jahre, dass der Rolf weg ist. Jetzt ist schon wieder spät im Jahr und bald werden’s vier sein. Hab ihn damals als vermisst gemeldet, obwohl das ja eigentlich das falsche Wort ist. Vermisst hab ich ihn ja gar nicht wirklich, weil man nix vermissen kann, was man gern los wär. Aber man macht das halt so, sonst kommen die Leute und stellen doofe Fragen.
Damals hab ich auch den Frank kennen gelernt, den Polizist. Kannte den zwar vom Sehen und wusste auch, dass er mit dem Rolf in die Schule gegangen war, aber nicht, dass er zu der Trachtentanzgruppe gehört, die auf Winterberg aufpasst. Hatte noch nie was mit denen zu tun. Und im Café hab ich die auch nie wirklich brauchen müssen. Nicht mal, als diese beiden bekloppten Touris damals aufeinander sind – wegen irgend so ner Sympatex-Schlampe.
Die haben mir zwar ein paar Tische umgeworfen, aber so richtig in die Fresse haben die sich erst draußen gehauen. Ich hab dann einfach geschlossen und aufgeräumt an dem Abend. Weil, all die anderen sind ja auch raus zum Gaffen und kein Gast war mehr da.
Rolf war auch nicht da, wie immer, wenn man ihn mal gebraucht hätte. Hat sich lieber oben an der Hütte beim Lift mit den Schneehasen vergnügt und ist dann erst in der Nacht heimgekommen – stinkend nach Schnaps und Zigarre, nach teurem Scheißparfüm und mit blond gefärbten Haaren auf den Klamotten.
An mir war er auch immer dran. Färb dir doch mal die Haare, Moni. Nimm mal’n paar Kilo ab. Zieh mal nicht so ne Fresse. Dabei konnt’ ich gar nix für die Fresse, die zog sich automatisch, wenn er in der Nähe war.
Hätt’ er doch gleich sagen können, lös’ dich in Luft auf oder verwandel dich in ne ganz andere Frau.
Oder noch besser, hätt’ er mal vor 15 Jahren gleich ne andere genommen. Vielleicht die strohblonde Brigitte von gegenüber. Die mit der großen Schnauze und dem dick geschminkten Gesicht. Die sich jedes Jahr neue teure Skianzüge kauft, weil die vom Jahr vorher out sind. So in Farbe und Schnitt. Sagt sie.
Aber ich denk ja eher, dass die jedes Jahr ein bisschen fetter wird und so. Ist auch was Komisches mit der; die sieht trotzdem immer gleich scheißgut aus, ob fett oder nicht. Arrogante Ziege. Und auf so was steh’n die Männer scheinbar, denn davon hat sie ja echt genug – von Arroganz, Fett und Schminke im Gesicht. Und dann noch Typen mit dicken Autos vor der Tür, die daheim so armselige Würstchen von Weibern sitzen haben, wie ich eine bin.
Wie bin ich denn eigentlich? Bin ich echt so eine arme Sau, dass ich mit dem Leben hier zufrieden sein muss? Ich denk, ich seh so aus wie Durchschnitt. Könnt mal wieder zum Friseur gehen, vielleicht Strähnchen reinmachen oder so. Aber sonst geht’s halt, denk ich. Das Spiegelbild, was ja meins ist, könnt ein bisschen freundlicher aussehen. Vielleicht sollt ich mal wieder lachen. Aber ich weiß gar nicht, worüber. Wär’ ja auch blöd, einfach so da rumzulachen – ohne Grund.
Erst gestern war der Frank wieder hier. Ich hab Kaffee gemacht, wie immer, und ne Himbeertorte von aus der Auslage geholt. Das ist echt die Beste, die ich im Verkauf hab’. Normalerweise isst der Frank drei Stück davon, trinkt zwei Kaffee und greift mir dann zwischen die Beine. Sagt dann sowas wie, ich könnt dich grad mal ... na ja. Und manchmal, wenn er sich wieder über seine Alte geärgert hat, erzählt er auch mal was von Gefühl und wie toll und einfach mit mir doch alles wär’. Dann sagt er meistens noch, wenn ich nicht immer so muffelig wär’ und ein bisschen mehr Power hätt’, dann würd’ er sich glatt von der Bettina trennen und zu mir kommen.
Gefragt, ob mir das auch gefallen tät’, hat er mich nie, denn meistens ist hier das Gespräch beendet und wir tun's dann. Nur kurz und bringen tut’s auch nichts, außer, dass ich das Gefühl hab, ich bin doch noch nicht ganz tot.
Die ersten Touris marschieren schon wieder durch die Straßen. Kein Wunder, die Eishalle ist auf und jetzt spielen sie wieder Eiskunstlauf, die meisten eher Eiskunstfall, und finden das witzig, sich den Arsch abzufrieren. Auch wenn’s draußen noch warm ist. Versteh ich nicht.
Vielleicht sollt’ ich das Schild aus dem Schaufenster nehmen, wo gleich unter der „Tagestorte“ noch „Zimmer frei“ steht. Ich hab nicht wirklich Lust drauf, diesen Winter Leute im Haus zu haben. Gut, brauchen könnt’ ich das Geld, wer nicht? Aber bisher ging’s ganz gut, ein paar Reserven hab ich noch und wenn sie den Rolf irgendwann mal für tot erklären – weil das passiert ja mit Vermissten nach ner Weile –, dann gibt’s noch die Lebensversicherung, und dann werd’ ich wohl hier weggehen.
Weiß noch nicht, wohin. Wahrscheinlich hoch in den Norden oder runter in den Süden. Irgendwohin, wo nicht Hier ist.
Ich hab das gestern auch Frank erzählt. War ziemlich dumm von mir, weil er natürlich gleich gefragt hat, warum ich denn denke, dass Rolf tot ist. Schließlich gäb’ es jedes Jahr zig Leute, die einfach abhauen und irgendwo anders neu anfangen. Und vielleicht stünd’ er eines Tages wieder vor der Tür, wenn er die Schnauze voll hätt’. Von der Freiheit oder irgendeiner Tussi. Dann hat er blöd gelacht – weil manchmal ist er einfach dumm wie Brot – und gesagt, na ja, er würd ja dann hoffen, dass er nicht grad hier wär’ und auf mir läg’, weil er kenne ja den Rolf noch von früher und so, und dem würd’ das sicher nicht gefallen.
Ich hab nix weiter gesagt, nur gedacht, dass es wohl besser ist, wenn ich ganz mein Maul halt’. Ich sag ja eh schon wenig, aber wenn ... warum denk ich eigentlich nicht nach?
Ich merk’ jetzt wieder, dass die Tage viel langsamer vorbei gehen. Eigentlich schon die ganze Zeit, seit Rolf nicht mehr da ist. Anfangs war das echt ne schöne Sache, fast wie ne Verjüngungskur. Ich hab halt viel machen können, was vorher nicht drin war.
Und noch mehr musste ich nicht mehr machen, weil kein Rolf mehr da war. Wie, ihm immer seinen Scheiß an den Lift nachtragen, ihm die stinkenden Socken hinterher räumen, seine Schnapsfahne im Schlafzimmer riechen oder still halten, wenn er wieder prügeln wollte. Ich konnt’ die ganze Nacht fernsehen und mich von Tiefkühlzeugs ernähren. Kuchen und Torte machen ja auf die Dauer schlecht und nach fast 20 Jahren Café brauch ich das nicht mehr so. Ich musste auch die Sonnenbrille nicht mehr aufziehen und hab sie in die Eckback gesteckt.
Und ich konnt’ mir endlich mal so schöne Sachen aus der Boutique unten in der Stadt kaufen. Wie das enge Jeanskleid, von dem Rolf mal gesagt hat, das wär’ ne Beleidigung für das Kleid, wenn ich das anziehen würd’.
Ich trau mich gar nicht, das draußen zu tragen. Nur hier drin zieh ich’s manchmal an, marschier dann so vorm Spiegel rum und bewunder mich mal kurz. Denk dann, ist schon ne feine Sache, was Kleider so mit einem machen können.
Dann stell ich mir immer vor, ich wär’ auch mal was Besonderes, auf nem Laufsteg oder ner Bühne oder so. Wenn ich Musik anmache, dann mehr die Bühne. Dann beweg ich den Mund und tu so, als wär’ ich das, die da im Radio singt. Und versuch’ dann so zu tanzen wie die jungen Dinger im Fernseher. Ne ganze Weile find ich mich dann echt okay, bis ich denk, oh man, du spinnst total. Läufst hier rum wie ne junge Schnitte und siehst aus wie ne Schreckschraube auf Ecstasy. Machst dich vor deinem eignen Spiegel zum Affen. Und dann werd ich depressiv und schlecht gelaunt. Find mich überflüssig wie Bauchschmerzen und weiß, ich hab ne Menge Leben verpasst. Danke Rolf.
Sind halt so überdrehte Sachen aus dieser komischen, immer noch ungewohnten Freiheit raus, die man im normalen Leben ja nicht machen braucht. Nur dass ich mein normales Leben noch gar nicht gefunden hab. Weiß ja nicht, wo ich suchen soll.
Damals, als ich den Rolf kennen gelernt hab, da fand ich ihn ziemlich gut. Ich meine, er war halt einer von den Typen, die immer ne Horde Weiber um sich hatten und dann die Namen von denen verwechselten. Dabei sah er damals nicht mal besonders aus, der Rolf; groß und kräftig war er halt, mit nem Stiernacken und die Fingernägel hat er immer abgefressen. Und aufgemotzte Autos hat er gefahren. Aber großzügig war er, und laut. Hat immer Runden ausgegeben und unter seinem Bass hat sich keiner mehr getraut, was anderes zu sagen. Der hätt’ auch was auf die Fresse gekriegt. Die Weiber haben wohl gedacht, Mensch so einer, der kann mir mal was bieten. Mich beschützen und schöne Sachen kaufen und so. Dass er auch Frauen in die Fresse haut, wusst’ ja niemand damals. Ich wusste das jedenfalls nicht. Dass ich es dann auch war, die der Rolf gefreit hat, lag am Ende nur an dem Braten in der Röhre, der sich dann kurz nach der Hochzeit in Blut und Schleimklumpen aufgelöst hat. Schicksal, hat der Rolf gesagt. Sollt’ wohl nicht sein. Ist auch besser so. Fand er. Was ich fand, war ihm egal. Aber ich fand auch, es ist besser, kein Kind mit einem Vater namens Rolf zu haben. Denn dass es dieses Kind nicht geben sollte, hat es seinem Vater zu verdanken, den es ja nicht hatte. Der kurz nach der Hochzeit durchgedreht ist, weil er abends vom Lift kam und Manni zu Besuch war. Der Manni, mit dem ich vorher mal kurz was hatte und der mir nur meine Schallplatten wieder bringen wollte, weil die noch in seiner Wohnung waren. Und wegen dem Manni hat er mich zum ersten Mal so verprügelt, dass ich erst Blut gekotzt und dann noch ins Klo gelassen hab. Samt Kind.
Wenn ich so daran denke, dann glaub’ ich zu wissen, wo der große Fehler in meinem Leben lag. Nämlich in diesem Moment aus Bauchschmerzen, Blut und Schleim, in dem ich den Scheißkerl hätt’ umbringen sollen.
Mama – die hat ja damals noch gelebt – hat mir gesagt, ich muss da drüberstehen. Männer prügeln ihre Frauen eben und es wäre auch so was wie ein Zeichen von Liebe. Weil, wenn wir denen egal wären, dann wären die ja schließlich nicht wütend auf uns. Und wenn sie uns nicht leiden könnten, hätten sie uns ja nicht geheiratet. Also müssten sie uns ja lieben. Quasi.
Papa hat dazu nix gesagt, weil er es nicht wusste. Er hätt’ auch sicher dem Rolf beigestanden, weil ich ja eigentlich nur eine neue Mama war, also eine, die eins auf die Schnauze kriegt, wenn sie’s verdient. Und ob sie’s verdient, lag dann immer am Schnapspegel und am Erfolg bei den Schneehasen.
Manchmal frag ich mich, warum ich nicht später gegangen bin. Aber das wär’ auch nicht einfach gewesen. Wo hätt’ ich denn hingehen sollen? Den Rolf hätt’ ich wegjagen müssen, aber irgendwie hab ich das nicht gekonnt. Der hat sich hier mit einer Selbstverständlichkeit breit gemacht und auch gleich angefangen, überall Geld reinzustecken, da hätt’ ich mir ja nicht nur ihn zum Feind gemacht, sondern Mama und Papa auch.
Selbst, als die ein paar Jahre später nicht mehr waren, ging’s nicht. Weil, da war ich schon so an den Rolf gewöhnt und auch in allem abhängig, ich hätt’ mir das gar nicht leisten können, ihn rauszuschmeißen. Es war alles plötzlich Seins. Nix Eigenes gab es mehr, nix für mich alleine, und mich selbst schon gar nicht.
Man gewöhnt sich halt mit den Jahren an fast alles, findet die seltsamsten Dinge ganz normal und manchmal fehlen sie einem sogar, wenn sie nicht mehr da sind. So wie Rolfs schlechte Laune jeden Morgen als er mal mit ein paar Kumpels ne Woche auf den Balearen verbracht hatte - und das mit meinem Geld, mit dem ich die neue Couchgarnitur kaufen wollte. In der Woche hab ich ihn fast vermisst, obwohl ich ihn am liebsten an der höchsten Stelle des Lifts aufgehängt hätt’. Mit einem Seil am Hals oder so. Plötzliche Depressionen des Liftbetreibers trieben ihn in den Selbstmord. Seine Witwe trauert. So hätt’ das dann in der Zeitung gestanden.
Trauernde Witwe, was für ne Show. Ich hätt’ so tun können, klar. Aber vermutlich hätt’ ich gelacht, ganz heimlich, hinter verschlossenen Türen. Ich hätt’ mich auf den falschen Perser im Wohnzimmer geworfen und gelacht, bis mir die Tränen kommen. Bis alles aus mir draußen gewesen wäre. Damals.
Heute muss ich nicht mehr lachen bei dem Gedanken. Mir fehlt was, und ich komm nicht dahinter, was. Rolf kann es nicht sein. Der war immer nur überflüssig. So wie Scheiße. Aber vermisst man die nicht auch, wenn man nicht mehr aufs Klo kann? Was weiß ich.
Ich hab in den letzten Jahren nach und nach so ziemlich alles von Rolf weggeschmissen. Seine Klamotten, seine dämliche Briefmarkensammlung hab’ ich sogar noch gut verkauft, seine alten Wichsvorlagen, mit denen hab ich im Garten Lagerfeuer gemacht. Die Pariser, die er vor mir im Keller versteckt hatte, hab’ ich auch ins Feuer geworfen und gedacht, so stinkt es also, wenn es nach Arschloch stinkt. Arschloch auf Schneehasenjagd.
Das Einzige, was ich behalten hab, ist das Bild auf dem Kamin. Irgendwie sieht er ziemlich gut darauf aus. Fast nett, so wie früher. Und ich kann ihm manchmal noch in die Augen schauen. Das hab ich nie gekonnt, als er noch hier war.
Ich frag mich, ob das Leben jetzt besser ist. Oder sein könnte und ich nur nichts draus mache. Vermutlich so.
Als ich gestern so mit Frank gesprochen hab’, also die paar Sätze zwischen Kaffeetrinken und Vögeln, da hab ich kurz gedacht, wie das wohl wär’, mal richtig mit ihm zu reden. Also nicht nur kurz rumlabern, sondern mal richtig und ernst zu reden.
Als ich damals auf die Wache bin und gesagt hab’, das wär’ so komisch mit dem Rolf, weil der schon seit ein paar Tagen nicht heimgekommen wäre, hat er mich angesehen, als fänd’ er das nicht so schlimm. Er hat dann gesagt, er würd’ den Rolf ja kennen und so.
Gemacht hat er nicht so viel, außer, die Vermisstenanzeige aufgenommen, ein paar Fragen gestellt. Wann ich ihn das letzte Mal gesehen hätte, ob er ne Freundin hätte, ob er was mitgenommen hätte und so weiter.
Ich hab’s dann in Richtung Freundin laufen lassen. Weil dafür war er ja bekannt, der Rolf. Irgendwie denken wohl noch immer alle, er hätte sich damals mit so ner reichen Tussi abgesetzt.
Gesucht haben die nicht besonders und der Frank hat ja dann auch gesagt, wenn wer abhaut und nicht gefunden werden will, dann findet man den auch nicht so schnell. Und wie wichtig mir das wäre, ob er denn gefunden wird. Weil, wenn mir das so wichtig wär, dann würd er sich natürlich drum kümmern und intensiver ermitteln und so.
Ich hab ihn dann halt gefragt, wie wichtig es mir sein müsste, jemanden wieder zu finden, der mir sowieso nur auf die Schnauze haut, wenn ich sie aufmache. Und er hat dann gelächelt und gesagt, er würd gerne mal privat mit mir darüber reden und ob ich Samstag Zeit hätte. Eigentlich haben wir dann gar nicht so viel darüber geredet und nur die Sache zwischen uns so laufen lassen. Moni, hat er dann später gesagt, sei doch froh, wenn er mit ner andern auf und davon ist. Dann geht’s dir auch besser. Und ich werd dich immer gut behandeln. Klar, er wollt ja auch mit mir ficken. Warum sollte er mich schlecht behandeln?
Das Café läuft gut, Julia von der Eishalle kommt jetzt jeden Tag ein paar Stunden und macht zusammen mit Maike den Service. Ich kann mir eigentlich ein bisschen Zeit für mich nehmen und so Dinge tun wie das Bild von Rolf anschauen, in den Wintergarten gehen und hoch zum Lift schauen, wo er immer gearbeitet hat.
Kann mir vorstellen, dass wir ne gute Ehe hatten und dass da wirklich so was wie Vermissen in mir ist. Ich meine, das stimmt zwar nicht ganz, aber ich kann ja so tun. Dann vergess’ ich vielleicht, was war. Ist sicher besser, sich an schöne Dinge zu erinnern wie an die Misthaufen, in die man getreten ist.
Und vielleicht kann ich dann auch eines Tages mal wieder da hoch gehen zum Lift. Da, wo in dem Januar, als Rolf verschwunden ist, das große Erdloch gewesen ist, auf das sie dann das Fundament für Anbau der Skihütte gegossen haben. Mitten im Winter, weil, die wollten ja noch ein bisschen Geld in der Saison einfahren. Betrieb war ja immer viel da oben und wahrscheinlich haben die gedacht, wenn sie die Hütte vergrößern, dann verdienen sie auch mehr Kohle.
Kalt war’s ja nicht besonders zu der Zeit. Da, wo ich den Rolf zum letzten Mal gesehen hab.
In der Nacht, als ich zu Fuß da hoch bin, um ihm was zu sagen. Ich glaub, mit seiner Mutter war was und ans Telefon ist er ja nicht gegangen. Wenn da oben Flutlicht war, ist der nie ans Telefon.
Und wo ich ihn mit diesem Weib gesehen habe. Gevögelt hat er sie, die Sau. Und mich nur blöd angeglotzt und gesagt, mach, dass du abhaust. Wenn ich heim komm, dann reden wir zwei. Das war dann schon schlimm, weil, wenn der Rolf reden wollte, dann hat der eigentlich nie geredet, sondern ziemlichen Scheißsex gemacht.
Hätt’ er gesagt, dann gibt’s Ärger, wär’s nicht so schlimm gewesen. Das Prügeln war nicht so eklig. Aber wo ich ihn da so gesehen hab, mit diesem Weib, und dann wusst’, der wollt noch reden, da war’s schlimm. Echt schlimm.
Die Schlampe hat nur blöd gekichert und ist dann weg. Besoffen bis zum Anschlag waren sie, alle beide. Und dann hab ich den kaputten Schwenkbügel vom Liftsitz gesehen, der in der Ecke stand. Hat sich gut angefühlt, eiskalt und ziemlich beruhigend. Dann war’s auch gar nicht mehr schlimm plötzlich. Es gab ein komisches Geräusch, als der Bügel auf Rolfs Kopf gelandet ist. Einfach so. Fast so, als wenn man mit ner Axt auf eine ziemlich reife Melone schlägt.
Blut gab’s nicht viel und am nächsten Morgen haben die das Fundament für den Anbau von der Hütte gegossen.
Ist ja auch egal. Vielleicht sollt’ ich das vergessen, das mit Frank und dem Reden. Denn dann müsst’ ich ja auch von Rolf erzählen und wo der sich so rumtreibt. Und dann könnt’ er wahrscheinlich gar nicht da bleiben, wo er jetzt ist, wo er immer so gerne gewesen ist. Da oben am Lift. Bei seinen Schneehasen.
Das war ein Text von mich aus hier:

Der Rolf hat um die Jahreszeit immer gesagt, jetzt kämen bald wieder die Schneehasen und dann wär’ das Leben echt ziemlich schön hier. Hat er gesagt, als er noch hier war.
Aber seit ein paar Jahren bin ich allein in der Stadt hier, die im Sommer so tot ist wie JFK. Wird schon seinen Grund haben, warum es hier Winterberg heißt. Vermutlich, weil hier nur im Winter alles am Berg ist. Hab nie drüber nachgedacht.
Aber das ist schon okay so, das mit dem Alleinsein, denn gelegentlich kommt der Frank nach mir schauen und dann vögeln wir auch. Frank ist Polizist hier. Kein besonders schöner, nicht mal ein besonders schlauer, aber er hat wohl einen Narren an mir gefressen seit damals. Seit Rolf verschwunden ist.
Das Bild von Rolf steht noch im Wohnzimmer auf dem Kamin. Immer, wenn ich es anschaue, denk ich drüber nach, ob das wohl alles so richtig ist. Ich denk dann, geht so, könnt’ aber besser sein.
Ich hab das Bild damals selbst gemacht, oben am Skiliftkarussell, oder wie die das nennen. Der Lift war immer sein Ein und Alles. Jeden Winter war er da oben und hat das Ding am Laufen gehalten und den Schlampen nachgesehen. Den Schneehasen, wie er sie genannt hat. Und nicht nur nachgesehen, der Dreckskerl. Er hat es wohl ziemlich geliebt, im Winter da oben zu sein. Weil, im Rest vom Jahr musste er sich ja mit mir begnügen.
Das mit dem Bild muss so Weihnachten 2000 gewesen sein. Genau, in dem Winter war’s. Kurz, bevor er verschwand. Ich hab ihm die Kamera schenken müssen und es auch getan. Okay, er hat immerhin auch kurz so getan, als würd’ er sich freuen. Aber er wollt’ sie ja haben und hat schon auf St. Martin gesagt, mit was anderem bräucht ich gar nicht erst zu kommen unterm Weihnachtsbaum. War nicht so einfach, das neumodische Ding zu besorgen. Und teuer war die ...
Irgendwann zwischen den Jahren, als am Lift so richtig die Post abging, hat er gesagt, Moni, kommst gegen Drei mal zum Lift und machst mal ein paar Bilder von deinem Meister. Wie er so bei der Arbeit ist und so. Meister hat er sich selbst genannt, der Depp.
Dass ich so gegen Drei hier unten im Café nicht grad vor Langeweile in der Nase gebohrt habe, wollt er nicht hören, hätt’ ihn auch gar nicht interessiert, den Meister. Ich also hoch zum Lift und Fotos gemacht. Digitale. Und mich beschimpfen lassen, weil das nicht gleich so geklappt hat.
Das hat er immer gern gemacht, der Rolf. Mich beschimpft, besonders, wenn noch ne Menge Touris dabei waren. Ob oben am Lift oder hier unten im Café – Hauptsache, es waren genug Leute dabei und er konnte jedem zeigen, wo der Hammer hing. Besonders, wo seiner hing.
Ich hab mir manchmal gewünscht, die Touris wären immer da, obwohl ich die nie leiden konnte. Nicht nur im Winter und nicht nur im Café und am Lift. Auch im Sommer und bei uns im Haus. Weil, wenn dann niemand mehr da war, vor dem er mich ausschimpfen konnte, dann hat er oft auch geschlagen. Um sich geschlagen - und vor allem mich.
Muss heut’ noch lachen, wenn ich dran denke, wie oft ich mit der Sonnenbrille rumgelaufen bin – auch wenn’s geregnet hat - und den Nachbarn was erzählt hab’; ich wär’ halt mal wieder die Treppe runtergefallen oder hätt’ ne Tür in die Fresse gekriegt, die unter Zug stand. Klar wusst’ ich, dass die mir das nicht abkaufen. Aber was hätt’ ich sagen sollen? Der Alte verkloppt mich nach allen Regeln der Kunst? Das hätt’ die doch nicht gejuckt, also hab ich Klein-Doofi gespielt, wie sich’s so gehört.
Jetzt schau ich da raus und weiß, es geht bald wieder los. Oben auf’m Berg beim Skilift machen sie schon die Kanonen klar, weil der Schnee natürlich mal wieder nicht reicht. Ist schon komisch mit den Jahreszeiten; im Sommer fehlt’s an Sonne, im Winter an Schnee und zwischendrin ist auch nur alles trübe Suppe. Frag mich manchmal, wo die Jahreszeiten hin abgehauen sind und ob die Menschen sie verscheucht haben. Mit so’nem Scheiß wie FCKW und Mord am Regenwald und so. Aber was interessiert’s mich?
Im Januar waren’s drei Jahre, dass der Rolf weg ist. Jetzt ist schon wieder spät im Jahr und bald werden’s vier sein. Hab ihn damals als vermisst gemeldet, obwohl das ja eigentlich das falsche Wort ist. Vermisst hab ich ihn ja gar nicht wirklich, weil man nix vermissen kann, was man gern los wär. Aber man macht das halt so, sonst kommen die Leute und stellen doofe Fragen.
Damals hab ich auch den Frank kennen gelernt, den Polizist. Kannte den zwar vom Sehen und wusste auch, dass er mit dem Rolf in die Schule gegangen war, aber nicht, dass er zu der Trachtentanzgruppe gehört, die auf Winterberg aufpasst. Hatte noch nie was mit denen zu tun. Und im Café hab ich die auch nie wirklich brauchen müssen. Nicht mal, als diese beiden bekloppten Touris damals aufeinander sind – wegen irgend so ner Sympatex-Schlampe.
Die haben mir zwar ein paar Tische umgeworfen, aber so richtig in die Fresse haben die sich erst draußen gehauen. Ich hab dann einfach geschlossen und aufgeräumt an dem Abend. Weil, all die anderen sind ja auch raus zum Gaffen und kein Gast war mehr da.
Rolf war auch nicht da, wie immer, wenn man ihn mal gebraucht hätte. Hat sich lieber oben an der Hütte beim Lift mit den Schneehasen vergnügt und ist dann erst in der Nacht heimgekommen – stinkend nach Schnaps und Zigarre, nach teurem Scheißparfüm und mit blond gefärbten Haaren auf den Klamotten.
An mir war er auch immer dran. Färb dir doch mal die Haare, Moni. Nimm mal’n paar Kilo ab. Zieh mal nicht so ne Fresse. Dabei konnt’ ich gar nix für die Fresse, die zog sich automatisch, wenn er in der Nähe war.
Hätt’ er doch gleich sagen können, lös’ dich in Luft auf oder verwandel dich in ne ganz andere Frau.
Oder noch besser, hätt’ er mal vor 15 Jahren gleich ne andere genommen. Vielleicht die strohblonde Brigitte von gegenüber. Die mit der großen Schnauze und dem dick geschminkten Gesicht. Die sich jedes Jahr neue teure Skianzüge kauft, weil die vom Jahr vorher out sind. So in Farbe und Schnitt. Sagt sie.
Aber ich denk ja eher, dass die jedes Jahr ein bisschen fetter wird und so. Ist auch was Komisches mit der; die sieht trotzdem immer gleich scheißgut aus, ob fett oder nicht. Arrogante Ziege. Und auf so was steh’n die Männer scheinbar, denn davon hat sie ja echt genug – von Arroganz, Fett und Schminke im Gesicht. Und dann noch Typen mit dicken Autos vor der Tür, die daheim so armselige Würstchen von Weibern sitzen haben, wie ich eine bin.
Wie bin ich denn eigentlich? Bin ich echt so eine arme Sau, dass ich mit dem Leben hier zufrieden sein muss? Ich denk, ich seh so aus wie Durchschnitt. Könnt mal wieder zum Friseur gehen, vielleicht Strähnchen reinmachen oder so. Aber sonst geht’s halt, denk ich. Das Spiegelbild, was ja meins ist, könnt ein bisschen freundlicher aussehen. Vielleicht sollt ich mal wieder lachen. Aber ich weiß gar nicht, worüber. Wär’ ja auch blöd, einfach so da rumzulachen – ohne Grund.
Erst gestern war der Frank wieder hier. Ich hab Kaffee gemacht, wie immer, und ne Himbeertorte von aus der Auslage geholt. Das ist echt die Beste, die ich im Verkauf hab’. Normalerweise isst der Frank drei Stück davon, trinkt zwei Kaffee und greift mir dann zwischen die Beine. Sagt dann sowas wie, ich könnt dich grad mal ... na ja. Und manchmal, wenn er sich wieder über seine Alte geärgert hat, erzählt er auch mal was von Gefühl und wie toll und einfach mit mir doch alles wär’. Dann sagt er meistens noch, wenn ich nicht immer so muffelig wär’ und ein bisschen mehr Power hätt’, dann würd’ er sich glatt von der Bettina trennen und zu mir kommen.
Gefragt, ob mir das auch gefallen tät’, hat er mich nie, denn meistens ist hier das Gespräch beendet und wir tun's dann. Nur kurz und bringen tut’s auch nichts, außer, dass ich das Gefühl hab, ich bin doch noch nicht ganz tot.
Die ersten Touris marschieren schon wieder durch die Straßen. Kein Wunder, die Eishalle ist auf und jetzt spielen sie wieder Eiskunstlauf, die meisten eher Eiskunstfall, und finden das witzig, sich den Arsch abzufrieren. Auch wenn’s draußen noch warm ist. Versteh ich nicht.
Vielleicht sollt’ ich das Schild aus dem Schaufenster nehmen, wo gleich unter der „Tagestorte“ noch „Zimmer frei“ steht. Ich hab nicht wirklich Lust drauf, diesen Winter Leute im Haus zu haben. Gut, brauchen könnt’ ich das Geld, wer nicht? Aber bisher ging’s ganz gut, ein paar Reserven hab ich noch und wenn sie den Rolf irgendwann mal für tot erklären – weil das passiert ja mit Vermissten nach ner Weile –, dann gibt’s noch die Lebensversicherung, und dann werd’ ich wohl hier weggehen.
Weiß noch nicht, wohin. Wahrscheinlich hoch in den Norden oder runter in den Süden. Irgendwohin, wo nicht Hier ist.
Ich hab das gestern auch Frank erzählt. War ziemlich dumm von mir, weil er natürlich gleich gefragt hat, warum ich denn denke, dass Rolf tot ist. Schließlich gäb’ es jedes Jahr zig Leute, die einfach abhauen und irgendwo anders neu anfangen. Und vielleicht stünd’ er eines Tages wieder vor der Tür, wenn er die Schnauze voll hätt’. Von der Freiheit oder irgendeiner Tussi. Dann hat er blöd gelacht – weil manchmal ist er einfach dumm wie Brot – und gesagt, na ja, er würd ja dann hoffen, dass er nicht grad hier wär’ und auf mir läg’, weil er kenne ja den Rolf noch von früher und so, und dem würd’ das sicher nicht gefallen.
Ich hab nix weiter gesagt, nur gedacht, dass es wohl besser ist, wenn ich ganz mein Maul halt’. Ich sag ja eh schon wenig, aber wenn ... warum denk ich eigentlich nicht nach?
Ich merk’ jetzt wieder, dass die Tage viel langsamer vorbei gehen. Eigentlich schon die ganze Zeit, seit Rolf nicht mehr da ist. Anfangs war das echt ne schöne Sache, fast wie ne Verjüngungskur. Ich hab halt viel machen können, was vorher nicht drin war.
Und noch mehr musste ich nicht mehr machen, weil kein Rolf mehr da war. Wie, ihm immer seinen Scheiß an den Lift nachtragen, ihm die stinkenden Socken hinterher räumen, seine Schnapsfahne im Schlafzimmer riechen oder still halten, wenn er wieder prügeln wollte. Ich konnt’ die ganze Nacht fernsehen und mich von Tiefkühlzeugs ernähren. Kuchen und Torte machen ja auf die Dauer schlecht und nach fast 20 Jahren Café brauch ich das nicht mehr so. Ich musste auch die Sonnenbrille nicht mehr aufziehen und hab sie in die Eckback gesteckt.
Und ich konnt’ mir endlich mal so schöne Sachen aus der Boutique unten in der Stadt kaufen. Wie das enge Jeanskleid, von dem Rolf mal gesagt hat, das wär’ ne Beleidigung für das Kleid, wenn ich das anziehen würd’.
Ich trau mich gar nicht, das draußen zu tragen. Nur hier drin zieh ich’s manchmal an, marschier dann so vorm Spiegel rum und bewunder mich mal kurz. Denk dann, ist schon ne feine Sache, was Kleider so mit einem machen können.
Dann stell ich mir immer vor, ich wär’ auch mal was Besonderes, auf nem Laufsteg oder ner Bühne oder so. Wenn ich Musik anmache, dann mehr die Bühne. Dann beweg ich den Mund und tu so, als wär’ ich das, die da im Radio singt. Und versuch’ dann so zu tanzen wie die jungen Dinger im Fernseher. Ne ganze Weile find ich mich dann echt okay, bis ich denk, oh man, du spinnst total. Läufst hier rum wie ne junge Schnitte und siehst aus wie ne Schreckschraube auf Ecstasy. Machst dich vor deinem eignen Spiegel zum Affen. Und dann werd ich depressiv und schlecht gelaunt. Find mich überflüssig wie Bauchschmerzen und weiß, ich hab ne Menge Leben verpasst. Danke Rolf.
Sind halt so überdrehte Sachen aus dieser komischen, immer noch ungewohnten Freiheit raus, die man im normalen Leben ja nicht machen braucht. Nur dass ich mein normales Leben noch gar nicht gefunden hab. Weiß ja nicht, wo ich suchen soll.
Damals, als ich den Rolf kennen gelernt hab, da fand ich ihn ziemlich gut. Ich meine, er war halt einer von den Typen, die immer ne Horde Weiber um sich hatten und dann die Namen von denen verwechselten. Dabei sah er damals nicht mal besonders aus, der Rolf; groß und kräftig war er halt, mit nem Stiernacken und die Fingernägel hat er immer abgefressen. Und aufgemotzte Autos hat er gefahren. Aber großzügig war er, und laut. Hat immer Runden ausgegeben und unter seinem Bass hat sich keiner mehr getraut, was anderes zu sagen. Der hätt’ auch was auf die Fresse gekriegt. Die Weiber haben wohl gedacht, Mensch so einer, der kann mir mal was bieten. Mich beschützen und schöne Sachen kaufen und so. Dass er auch Frauen in die Fresse haut, wusst’ ja niemand damals. Ich wusste das jedenfalls nicht. Dass ich es dann auch war, die der Rolf gefreit hat, lag am Ende nur an dem Braten in der Röhre, der sich dann kurz nach der Hochzeit in Blut und Schleimklumpen aufgelöst hat. Schicksal, hat der Rolf gesagt. Sollt’ wohl nicht sein. Ist auch besser so. Fand er. Was ich fand, war ihm egal. Aber ich fand auch, es ist besser, kein Kind mit einem Vater namens Rolf zu haben. Denn dass es dieses Kind nicht geben sollte, hat es seinem Vater zu verdanken, den es ja nicht hatte. Der kurz nach der Hochzeit durchgedreht ist, weil er abends vom Lift kam und Manni zu Besuch war. Der Manni, mit dem ich vorher mal kurz was hatte und der mir nur meine Schallplatten wieder bringen wollte, weil die noch in seiner Wohnung waren. Und wegen dem Manni hat er mich zum ersten Mal so verprügelt, dass ich erst Blut gekotzt und dann noch ins Klo gelassen hab. Samt Kind.
Wenn ich so daran denke, dann glaub’ ich zu wissen, wo der große Fehler in meinem Leben lag. Nämlich in diesem Moment aus Bauchschmerzen, Blut und Schleim, in dem ich den Scheißkerl hätt’ umbringen sollen.
Mama – die hat ja damals noch gelebt – hat mir gesagt, ich muss da drüberstehen. Männer prügeln ihre Frauen eben und es wäre auch so was wie ein Zeichen von Liebe. Weil, wenn wir denen egal wären, dann wären die ja schließlich nicht wütend auf uns. Und wenn sie uns nicht leiden könnten, hätten sie uns ja nicht geheiratet. Also müssten sie uns ja lieben. Quasi.
Papa hat dazu nix gesagt, weil er es nicht wusste. Er hätt’ auch sicher dem Rolf beigestanden, weil ich ja eigentlich nur eine neue Mama war, also eine, die eins auf die Schnauze kriegt, wenn sie’s verdient. Und ob sie’s verdient, lag dann immer am Schnapspegel und am Erfolg bei den Schneehasen.
Manchmal frag ich mich, warum ich nicht später gegangen bin. Aber das wär’ auch nicht einfach gewesen. Wo hätt’ ich denn hingehen sollen? Den Rolf hätt’ ich wegjagen müssen, aber irgendwie hab ich das nicht gekonnt. Der hat sich hier mit einer Selbstverständlichkeit breit gemacht und auch gleich angefangen, überall Geld reinzustecken, da hätt’ ich mir ja nicht nur ihn zum Feind gemacht, sondern Mama und Papa auch.
Selbst, als die ein paar Jahre später nicht mehr waren, ging’s nicht. Weil, da war ich schon so an den Rolf gewöhnt und auch in allem abhängig, ich hätt’ mir das gar nicht leisten können, ihn rauszuschmeißen. Es war alles plötzlich Seins. Nix Eigenes gab es mehr, nix für mich alleine, und mich selbst schon gar nicht.
Man gewöhnt sich halt mit den Jahren an fast alles, findet die seltsamsten Dinge ganz normal und manchmal fehlen sie einem sogar, wenn sie nicht mehr da sind. So wie Rolfs schlechte Laune jeden Morgen als er mal mit ein paar Kumpels ne Woche auf den Balearen verbracht hatte - und das mit meinem Geld, mit dem ich die neue Couchgarnitur kaufen wollte. In der Woche hab ich ihn fast vermisst, obwohl ich ihn am liebsten an der höchsten Stelle des Lifts aufgehängt hätt’. Mit einem Seil am Hals oder so. Plötzliche Depressionen des Liftbetreibers trieben ihn in den Selbstmord. Seine Witwe trauert. So hätt’ das dann in der Zeitung gestanden.
Trauernde Witwe, was für ne Show. Ich hätt’ so tun können, klar. Aber vermutlich hätt’ ich gelacht, ganz heimlich, hinter verschlossenen Türen. Ich hätt’ mich auf den falschen Perser im Wohnzimmer geworfen und gelacht, bis mir die Tränen kommen. Bis alles aus mir draußen gewesen wäre. Damals.
Heute muss ich nicht mehr lachen bei dem Gedanken. Mir fehlt was, und ich komm nicht dahinter, was. Rolf kann es nicht sein. Der war immer nur überflüssig. So wie Scheiße. Aber vermisst man die nicht auch, wenn man nicht mehr aufs Klo kann? Was weiß ich.
Ich hab in den letzten Jahren nach und nach so ziemlich alles von Rolf weggeschmissen. Seine Klamotten, seine dämliche Briefmarkensammlung hab’ ich sogar noch gut verkauft, seine alten Wichsvorlagen, mit denen hab ich im Garten Lagerfeuer gemacht. Die Pariser, die er vor mir im Keller versteckt hatte, hab’ ich auch ins Feuer geworfen und gedacht, so stinkt es also, wenn es nach Arschloch stinkt. Arschloch auf Schneehasenjagd.
Das Einzige, was ich behalten hab, ist das Bild auf dem Kamin. Irgendwie sieht er ziemlich gut darauf aus. Fast nett, so wie früher. Und ich kann ihm manchmal noch in die Augen schauen. Das hab ich nie gekonnt, als er noch hier war.
Ich frag mich, ob das Leben jetzt besser ist. Oder sein könnte und ich nur nichts draus mache. Vermutlich so.
Als ich gestern so mit Frank gesprochen hab’, also die paar Sätze zwischen Kaffeetrinken und Vögeln, da hab ich kurz gedacht, wie das wohl wär’, mal richtig mit ihm zu reden. Also nicht nur kurz rumlabern, sondern mal richtig und ernst zu reden.
Als ich damals auf die Wache bin und gesagt hab’, das wär’ so komisch mit dem Rolf, weil der schon seit ein paar Tagen nicht heimgekommen wäre, hat er mich angesehen, als fänd’ er das nicht so schlimm. Er hat dann gesagt, er würd’ den Rolf ja kennen und so.
Gemacht hat er nicht so viel, außer, die Vermisstenanzeige aufgenommen, ein paar Fragen gestellt. Wann ich ihn das letzte Mal gesehen hätte, ob er ne Freundin hätte, ob er was mitgenommen hätte und so weiter.
Ich hab’s dann in Richtung Freundin laufen lassen. Weil dafür war er ja bekannt, der Rolf. Irgendwie denken wohl noch immer alle, er hätte sich damals mit so ner reichen Tussi abgesetzt.
Gesucht haben die nicht besonders und der Frank hat ja dann auch gesagt, wenn wer abhaut und nicht gefunden werden will, dann findet man den auch nicht so schnell. Und wie wichtig mir das wäre, ob er denn gefunden wird. Weil, wenn mir das so wichtig wär, dann würd er sich natürlich drum kümmern und intensiver ermitteln und so.
Ich hab ihn dann halt gefragt, wie wichtig es mir sein müsste, jemanden wieder zu finden, der mir sowieso nur auf die Schnauze haut, wenn ich sie aufmache. Und er hat dann gelächelt und gesagt, er würd gerne mal privat mit mir darüber reden und ob ich Samstag Zeit hätte. Eigentlich haben wir dann gar nicht so viel darüber geredet und nur die Sache zwischen uns so laufen lassen. Moni, hat er dann später gesagt, sei doch froh, wenn er mit ner andern auf und davon ist. Dann geht’s dir auch besser. Und ich werd dich immer gut behandeln. Klar, er wollt ja auch mit mir ficken. Warum sollte er mich schlecht behandeln?
Das Café läuft gut, Julia von der Eishalle kommt jetzt jeden Tag ein paar Stunden und macht zusammen mit Maike den Service. Ich kann mir eigentlich ein bisschen Zeit für mich nehmen und so Dinge tun wie das Bild von Rolf anschauen, in den Wintergarten gehen und hoch zum Lift schauen, wo er immer gearbeitet hat.
Kann mir vorstellen, dass wir ne gute Ehe hatten und dass da wirklich so was wie Vermissen in mir ist. Ich meine, das stimmt zwar nicht ganz, aber ich kann ja so tun. Dann vergess’ ich vielleicht, was war. Ist sicher besser, sich an schöne Dinge zu erinnern wie an die Misthaufen, in die man getreten ist.
Und vielleicht kann ich dann auch eines Tages mal wieder da hoch gehen zum Lift. Da, wo in dem Januar, als Rolf verschwunden ist, das große Erdloch gewesen ist, auf das sie dann das Fundament für Anbau der Skihütte gegossen haben. Mitten im Winter, weil, die wollten ja noch ein bisschen Geld in der Saison einfahren. Betrieb war ja immer viel da oben und wahrscheinlich haben die gedacht, wenn sie die Hütte vergrößern, dann verdienen sie auch mehr Kohle.
Kalt war’s ja nicht besonders zu der Zeit. Da, wo ich den Rolf zum letzten Mal gesehen hab.
In der Nacht, als ich zu Fuß da hoch bin, um ihm was zu sagen. Ich glaub, mit seiner Mutter war was und ans Telefon ist er ja nicht gegangen. Wenn da oben Flutlicht war, ist der nie ans Telefon.
Und wo ich ihn mit diesem Weib gesehen habe. Gevögelt hat er sie, die Sau. Und mich nur blöd angeglotzt und gesagt, mach, dass du abhaust. Wenn ich heim komm, dann reden wir zwei. Das war dann schon schlimm, weil, wenn der Rolf reden wollte, dann hat der eigentlich nie geredet, sondern ziemlichen Scheißsex gemacht.
Hätt’ er gesagt, dann gibt’s Ärger, wär’s nicht so schlimm gewesen. Das Prügeln war nicht so eklig. Aber wo ich ihn da so gesehen hab, mit diesem Weib, und dann wusst’, der wollt noch reden, da war’s schlimm. Echt schlimm.
Die Schlampe hat nur blöd gekichert und ist dann weg. Besoffen bis zum Anschlag waren sie, alle beide. Und dann hab ich den kaputten Schwenkbügel vom Liftsitz gesehen, der in der Ecke stand. Hat sich gut angefühlt, eiskalt und ziemlich beruhigend. Dann war’s auch gar nicht mehr schlimm plötzlich. Es gab ein komisches Geräusch, als der Bügel auf Rolfs Kopf gelandet ist. Einfach so. Fast so, als wenn man mit ner Axt auf eine ziemlich reife Melone schlägt.
Blut gab’s nicht viel und am nächsten Morgen haben die das Fundament für den Anbau von der Hütte gegossen.
Ist ja auch egal. Vielleicht sollt’ ich das vergessen, das mit Frank und dem Reden. Denn dann müsst’ ich ja auch von Rolf erzählen und wo der sich so rumtreibt. Und dann könnt’ er wahrscheinlich gar nicht da bleiben, wo er jetzt ist, wo er immer so gerne gewesen ist. Da oben am Lift. Bei seinen Schneehasen.
Das war ein Text von mich aus hier:

SabineD - Okt 19, 17:27
Kein Buchstabe! - Deine Buchstaben - 0 Trackbacks




















