03. 03. 08

Waren wir auch so?

Ich fahre ja viel Auto (ja ich weiß, Sätze, die mit Ich beginnen, klingen egoistisch, so ist das.), und wenn nicht viel, dann wenigstens oft. Und so kommt es, dass ich regelmäßig hinter anderen Autos herfahren muss. Das ist nun mal so bei dem Verkehrsaufkommen heute. Regelmäßig muss ich dann etwas derart lesen wie "Eronimus-Kevin-Stephan fährt mit" und "Laura-Eurelia-Lisanne an Bord" oder "Melissa-Julia-Letitia, Sebastian-Christian-Otto und Maik-Kevin-Alexander sind immer mit dabei".
Manchmal frage ich mich, wie die Leute das alles auf ihre Heckscheiben kriegen.
Doch davon ab stelle ich mir vor, dass diese nächste, gut und ausführlich beschriebene, wohlwollend ausgeschilderte Generation in 18 - 20 Jahren wie die Teletubbies unsere Straßen mit Lkws bevölkern, weil die Heckscheiben einfach zu klein werden für das wachsende Mitteilungsbedürfnis und den Drang, immer längere, unaussprechlichere und sinnbefreitere Bindestrichnamen zu konstruieren.
Gut, ich geb zu, ich hatte vor 14 Jahren kurzfristig mal ein kleines rot-weißes Schild am Heck eines alternden Fords, auf dem stand "Baby an Bord", aber das Ding war nach dem ersten Besuch in der Waschanlage wieder weg.
Auch als es damals um die Namensfindung ging, waren HerrD und ich uns einig, dass es aussprechlich und vor allem behaltbar sein soll. Wobei die heutigen Kreationen keine Relevanz hatten, denn in diesem Umfang sind sie noch gar nicht ins Gewicht gefallen.

Wo wird das noch hinführen? Werden die Kreditanträge der Zukunft zwei Seiten mehr haben, damit die Unterschrift noch drauf passt? Und fallen die Kopfnoten in den Zeugnissen bald zugunsten des vollen Namens weg? Müssen die Kinder in der Schule demnächst DIN A3 Ranzen haben, weil die Namensschilder diesen Raum fordern? Und werden Telefongespräche noch billiger, weil schon die Hälfte der Zeit draufgeht, bis man sich vorgestellt hat?

Sind wir 90er- und ältere Eltern irgendwie die schlechteren, weil wir knapper kalkuliert und überlegt haben und es uns nicht so wichtig war, dass jeder Fremde Hornochse auf der Straße gleich unsere Kinder beim Namen nennen kann?

Ich stelle mir gerade vor, wie eine wildfremde Mutter mit ihrer kleinwüchsigen Bagage beim Einkaufen daher kommt und ich stehen bleibe, um die Kinder durchzuzählen und zu fragen: "Na, wer von euch ist denn jetzt die kleine Ammelie-Mirelle-Josephine?" Und mich der blöd dreinschauenden Mutter knapp vorstelle: "Sie parken neben mir."

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recono - Mrz 3, 23:01

Ja, ja und mit Nachnamen heißen sie dann Sackenheim oder Frick-Baer, der Anrufbeantworter wird mit sämtlichen Hausbewohnernamen vollgequarkt und auf dem Salzteig-Namensschild an der Haustür dürfen die Blagen auch nicht fehlen.

SabineD - Mrz 4, 09:12

oder Sassmannshausen-Hohensteinlechner ... hach, was sind wir dreisilbigen da noch gut dran, was?
Korinthe - Mrz 4, 09:45

Meine Jungs heißen Jan und Claas. Kurz, knapp, norddeutsch. Aber in einer meiner Kurzgeschichten habe ich auch so einen Namen, den ich vage dem Namen einer ehemaligen Kollegin entliehen habe: Marianna-Katharina Sophie Hollenbach-Bisewsky. Meine liebe (ehemalige) Kollegin wollte immer mit vollem Namen angesprochen werden, also entweder Frau Hollenbach-Bisewsky, oder Marianna-Katharina Sophie. Und sie hatte keinerlei Humor, wenn wir sie - angelehnt an ihre Tätigkeit im Betrieb - Starkstrom-Marie nannten.

SabineD - Mrz 4, 11:20

Na ja, wir haben beim Töchterchen "gesündigt". Aber das war eine Not-Sünde, denn unser Wunschname Kim war - jedenfalls hier auf den Behörden - als ungeschlechtlich angesehen und musste einen geschlechtspezifischen Beinamen haben. Also hat sie fürs Papier eine Leona angepappt bekommen. Das kommt allerdings nur dann zum Einsatz, wenn ich meinen Botschafen an sie mehr Gewicht verleihen will, denn sie weiß genau, was die Uhr geschlagen hat, wenn ich sie Kim Leona rufe. Hö hö.
Starkstrom-Marie klingt gut. ;)
SusanneM - Mrz 4, 10:09

Danke für diesen Beitrag

Ich kam mir die ganze Zeit wie eine Rabenmutter vor, weil mein Sohn schlicht David heißt. Und noch nicht mal ein zweiter Name.
Auch die Hunde nicht. Und kein Salzteigschild an der Tür! Auch kein Willkommen auf dem Fußabstreifer. Wir haben gar kein Schild an der Tür und auch keins am Briefkasten. Auf dem Land braucht man das nicht. Der Postbote kennt uns, Bekannte wissen, wo wir wohnen, und die GEZ gehts nichts an, wie wir heißen und wer hier alles wohnt.
Okay, an meiner Heckscheibe klebt ein kleiner Aufkleber vom holländischen Griffonclub mit einem Griffon drauf. Aber ohne Namen! Ich will ja nicht, dass Wildfremde einfach auf der Straße meinen Bruno anquatschen.

SabineD - Mrz 4, 11:14

Dann gründen wir vielleicht ganz schnell mal den Club der Rabenmütter und gehen uns Outen. Ist ja heute auch in, für alles Selbsthilfegruppen und so Zeugs ins Leben zu rufen. Vielleicht so: "Beratungsstelle für Bindestrich-Phobien, kleinsilbige Namenserfinder und chronisch diskrete Familiengründer - mit Erste-Hilfe-Hotline" ... oder so.

(Pfui, FrauD, du altes Lästermaul!)
recono - Mrz 4, 10:31

Starkstrom-Marie köstlich, einfach albern sich mit drei Vornamen ansprechen zu lassen, da hätte ich gestreikt.

SabineD - Mrz 4, 11:24

Mein GöGa ist auch mit zwei Namen auf die Welt gekommen und wurde bzw. wird bis heute von seiner Familie väterlicherseits auch so angesprochen. Da war es Tradition, dass immer der Erstgeborene vom Erstgeborenen ein "Wulf" vorne hatte. Seit vielen Generationen.
Tja, seit 1993 ist HerrD der letzte seiner Art, denn ich habe mich geweigert, unserem Adrian ein Wulf vorzusetzen. So weit kommts noch, dass ich mir diktieren lasse, wie ich meine Rotzlöffel nenne.
SusanneM - Mrz 5, 10:38

Wulf ... wulf, wuff, wuff

Mann, das hört sich ja an, als würdest du nach deinem Gör bellen!
Der Club ist gut! Der muss her!
SabineD - Mrz 5, 10:59

Gebellt

wird hier eh reichhaltig. Da kommts nicht wirklich auf meine Wuffs an, die bringen eher noch Rhythmus rein ;)

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