28. 03. 08

Exposieren

Lektoren, und auch Leser, wissen ja bekanntlich alles besser. Mach es vielleicht so, schmeiß das raus, schreib so weiter, schau dir das noch mal an, gib nicht auf, formuliere nicht so umständlich, wiederhole nicht permanent, bau deine Charaktere besser aus, trenne dich von mindestens 12 deiner 27 Handlungsstränge, wo ist dein roter Faden, das ist nicht logisch, lerne erst mal Deutsch ...
Wenn mal so oft und viel in anderer Leute Texten rumwurschtelt, bleibt oft das eigene Schreiben auf der Strecke, sodenn man eben schreiben will.
Manchmal aus Zeitgründen, manchmal, weil man einfach auch mal was anderes machen will außer immer nur lesen und tippen, und manchmal einfach nur deswegen, weil nach einem verdammt langen Arbeitstag das Hirn so ausgedörrt ist, dass es jedes weitere Herumspinnen strikt verweigert.
Ein Ratschlag, den ich schon oft verteilt, aber kaum selbst umgesetzt habe, ist, mit dem Exposee zu beginnen und darauf basierend die Story zu schreiben.
Das ist gar nicht so einfach, wenn man es gewohnt ist, dass einem vollständige und mehr oder weniger anspruchslose Geschichten aus den Fingern tropfen, aber offenbar dann notwendig, wenn man zwar flotte Ideen hat, aber null Plan, wohin man sie führen will.
Beim Schreiben hat man sich da schnell im Buchstabenwald verlaufen.
Ich würde niemals zugeben, dass ich ungezählte Roman- und Thrilleranfänge in meinen virtuellen Schubladen beherberge, von denen ich sicher irgendwann 99% löschen würde, wenn es denn so wäre.
Aber nachdem ich gestern Abend im Bett eine so genannte "runde Erleuchtung" hatte (ich nenne das mal so), habe ich mich heute in aller Herrgottsfrüh dahingesetzt und losgeschrieben, quasi vor mich hin exposiert, was das Zeug hält, und irgendwie scheint jetzt alles ganz logisch vom Anfang bis zum Ende.
Erstaunlich? Eigentlich nicht.
Dabei musste ich mich ganz schön beherrschen, nicht gleich wieder voll in einen Anfang reinzusteigen, denn mit Anfängen habe ich das kleinste Problem. Und da ich gerne thrille, weil ich nicht wirklich geschickt krimi-en kann, konnte ich so meinem Talent, furchtbar komplizierte Knoten zu stricken und Situationen zu kreieren, die ich später nicht mehr aufgefriemelt bekomme, ein Schnippchen schlagen.
Hilfreich dabei war die Frage aller Fragen, die in dem Fall schon die Lösung beherbergte: Was wäre, wenn …? Es war im Grunde der Routenplaner durch einen Irrgarten, mit dem ich problemlos vom Ziel zum Start und wieder zurücklaufen konnte, ohne mich zu verirren.
Damit bin ich jetzt zufrieden und kann irgendwann in aller Ruhe anfangen, die Story zusammenzuschustern.

Aber warum ist das hier wie in vielen anderen Dingen so, dass man gute Lösungen und Ratschläge verteilt wie sauer Brot, sich aber selbst fast nie dran hält?
Ja ja, warum einfach, wenn’s auch umständlich geht?

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Christian (anonym) - Apr 14, 14:42

Ja, ein Konzept sollte man schon vor dem Schreiben in der Tasche oder auf dem Papier haben, außer es soll mal so richtig poetisch werden; dann kann man sicher auch einfach so drauflos schreiben, ohne Ziel und Weg im Hinterkopf. Ansonsten finde ich es auch gut, beim Schluss zu beginnen, und sich dann zu überlegen, wie man da hinkommen könnte.
Alles Gute!
C.

SabineD - Apr 14, 15:44

Aller Anfang liegt am Ende begraben ;)
Stimmt, dem habe ich nichts hinzuzufügen. Aber auch Passagen- und Perspektivenschreiben kann gut funktionieren, wenn man kein Problem damit hat, die Einzelteile später wie ein Puzzel zusammezufügen und die Übergänge zu schreiben.

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