30. 04. 08

Eine kleine Meinung

Ich hatte ja hier schon angekündigt, mich über das Buch von Josephine Kroetz Man muss die Welt nicht verstehen,
man muss sich bloß in ihr zurechtfinden,
noch mal zu lamentieren. Jetzt geht das zwischen leerem Koffer und Showdown vor dem Abflug.

Lydia – Lü – lebt im antiken Griechenland. Das aufgeschlossene Mädchen mit den für das Teenageralter typischen Ich-will-mich-aber-nicht-fügen-Zügen liebt das Theater, darf allerdings, weil weiblich und vor längst vergangenen Zeiten, ihrer Leidenschaft nicht nachgehen, die ausschließlich den Männern vorbehalten ist. Trotzdem schleicht sie sich heimlich und in Verkleidung eines Mannes in eine Vorstellung und ist begeistert.
Trotz aller Vorsicht fliegt ihre Ungeheuerlichkeit auf und ihr Vater hinterlässt ihr auf einem Zettel eine Nachricht: „[…] Du hast jetzt ein Problem. Dein Papa!“
In ihrem Kummer geht Lü zum Orakel von Delphi und wird – erstaunlicherweise – von einer alten Frau erwartet, die sie mit folgenden Worten entlässt: „Ich soll dir ausrichten, dass all deine Fragen, die dich umtreiben, beantwortet werden können. Aber dafür musst du dich auf eine Reise begeben, die nicht einfach wird. Um von ihr zurückkommen zu können, musst du lernen zu verstehen …“
Wieder zuhause, wird Lü krank und findet sich plötzlich im 21. Jahrhundert wieder.

Alles kommt ihr bekannt und vertraut vor, aber sie erlebt es trotzdem zum ersten Mal und muss erst lernen, diese bekannten Selbstverständlichkeiten zu durchleben und zum ersten mal zu praktizieren.
Das anfangs traute Heim, in dem sie sich beginnt wohlzufühlen, gerät jedoch ins Wanken. Ihr Vater – ein Lehrer – schleppt berufliche Probleme mit sich herum, ihre Mutter – eine „verhausfraulichte“ Journalistin – ist unzufrieden und will in den Beruf zurück. Es kriselt in der heilen Welt und Lü’s jüngerer Bruder Davinci macht seinem bedrückten Youngster-Herzen Luft, indem er Tagebuch schreibt.
Obwohl die Streitereien der Eltern sich häufen, verliebt sich Lü in Patrick – ein cleverer Schachzug der Götter?
In ihrer Ohnmacht schreibt Lü ihren Eltern einen Brief, in dem sie beide energisch zur Räson bringt. Doch es soll noch einige Tage dauern und die Trennung offiziell werden, ehe den Eltern wieder auffällt, dass ihr Rosenkrieg auf dem Schultern von zwei kleinen Menschen mit ausgetragen werden muss. Langsam geht ihnen ein Licht auf und sie üben sich im Umgang miteinander.
Lü’s Rückkehr ins alte Griechenland scheint nichts mehr im Wege zu stehen, doch eigentlich gefällt es ihr hier mittlerweile ganz gut und besonders Patrick will sie nicht verlieren.

Lü’s spannende und wichtige Geschichte wird uns von Dionysos, dem jüngsten der großen griechischen Götter, erzählt. Ihre Botschaft ist klar von großer Aktualität: Gespräche und ehrliche Umgang innerhalb der Familie sind die Basis, um zu verstehen und miteinander auszukommen.

Josephine hat mich in mehrfacher Hinsicht mit diesem Buch überrascht. Nicht nur, weil ihre Protagonistin Lü ein Sprachrohr für unzählige betroffene Kinder und Jugendliche aus gescheiterten Ehen ist, sondern auch, wie liebevoll und charmant sie den Bogen zwischen der Welt der Mythen und Legenden in die Gegenwart gezogen und damit einen märchenhaften Realitätsroman auf die Beine gestellt hat, der zum Nachdenken und Schmunzeln anregt, ohne ein Klischee bedienen zu wollen. Und all das in einer flüssigen, aber eindringlichen Sprache, die nicht durch elegante Verschnörkelung beeindrucken will, sondern durch ihre Klarheit besticht und authentisch erzählt.
Von daher ist es dieses intelligente und unterhaltsame Buch nicht nur in Anbetracht des Alters der Autorin eine stramme Leistung, es war auch längst überfällig, jenen ein Podium zu geben, die überwiegend ohnmächtig den oft egoistischen und heuchlerischen Auseinandersetzungen der „Erwachsenen“ ausgesetzt sind und verzweifelt versuchen zu verstehen, warum plötzlich ihre Familie zerbricht.

***

Als Sachbuch würde ich dieses Buch nicht ausweisen wollen, obwohl es bestimmt in die Regalreihe der „Scheidungsopfer“ hineingehört. Viel mehr sollte sein Platz in der Jugendliteratur sein, auch wenn es für die Elterngeneration gleichermaßen bedeutungsvoll ist.



Mein Rat: kaufen, lesen und zu Herzen nehmen, auch wenn man von Scheidung oder Trennung (noch) nicht betroffen ist.

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