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Kunde droht mit Auftrag

Langsam werde ich sauer. Nein, ich werde nicht, ich bin schon sauer. Stinksauer, um genau zu sein. Nichts gegen clevere Geschäftsideen im Internet, dass sie funktionieren können - jedenfalls eine Zeit lang, wenn sie besonders sind -, beweisen Ibäi und Konsorten.
Einer von diesen "Konsorten" ist Mein Werkzeug (Name v.d. Red. geändert). Anfangs eine nette Plattform, über die man günstig an Handwerker und Dienstleister kommen kann, die bereit sind, sich auch mal unter Wert zu verkaufen.
In der Branche, in der ich mich tummle, gibt's aber auch zigtausend andere Tümmler, und was die zu bieten haben, kann man oft nicht auf Anhieb sehen. Fakt ist aber, dass Auftraggeber, die bspw. einen Werbetexter oder Lektor/Korrektor suchen, oft schon eine völlig verquere Grundvorstellungen von einer halbwegs angemessenen Honorierung haben, aber es trotzdem genug Auftragnehmer gibt, die diese lächerlichen Preise noch unterbieten.
Da setzt bspw. just im Moment jemand eine Preisvorstellung von 200 Euro für das Lektorat eines 250-seitigen Manuskripts an, und nach nur einem Tag Laufzeit ist das Ding schon runtergehandelt auf 148 Euro (Update 8:50 Uhr = 145 Euro). Wenn man das jetzt vorausschauend umlegt auf die verbleibenden 29 Tage Laufzeit des Auftrags, wird der Auftraggeber vermutlich am Ende noch Geld vom Auftragnehmer kriegen.
Oder da will jemand einen Werbetext geschrieben haben – natürlich einen, der auch seinen Job macht – und sucht jetzt einen Auftragnehmer „…egal ob Hausfrau, Studentin, Rentner oder Profi …“ – Aha. Für geschätzte 50 Tage Arbeit (das war jetzt übertrieben, aber Übertreibung in jede Richtung ist auch von Anbieterseite angebracht) könnte man rein theoretisch 80 Euro oder so verdienen. Wenn man mitbietet und sich drauf einlässt.
Darüber habe ich mich schon lange genug geärgert, und mir ist es in den Jahren, in denen ich da eher inaktiv angemeldet bin, erst einmal untergekommen, dass ich einen Auftrag bekommen habe, der nicht nur besser bezahlt war als im Startpreis angekündigt, sondern bei dem ich überhaupt das höchste Gebot abgegeben hatte. Das war so einer von diesen Ausnahmefällen, auf die man nicht warten darf, weil man in der Zwischenzeit Insolvenz anmelden kann.
Mittlerweile habe ich es völlig eingestellt, solche Aufträge zu beobachten oder gar ein Angebot abzugeben. Ich werde nicht für 35 Euro ein 100 Seiten starkes E-Book schreiben, Homepages betexten, Werbetexte verfassen, Manuskripte lektorieren oder was weiß ich.
Nix verdienen kann ich auch, ohne arbeiten zu müssen.
Aber was sich das Werkzeug seit Neuestem ausgedacht hat, ist frech. Es gibt eine Art Branchenbuch, in dem sich jeder Gewerbetreibende oder Freiberufler eintragen kann. Das heißt, Auftraggeber können nicht nur Aufträge einstellen und abwarten, wer sich drauf einlassen will, sie können gezielt im Branchenbuch nachschauen, wer dafür infrage kommen kann. Und in dem Fall direkt Kontakt aufnehmen  wenn  derjenige, welcher, einen kostenpflichtigen Brancheneintrag hat.
Kostenpflichtig bedeutet in dem Fall, dass man Businesspartner des Werkzeugs wird. Das bedeutet weiter, dass man schwört, für mindestens 12 Monate jeden Monat 19,90 hinzublättern, um Ausschreibungen bis 500 Euro beantworten und von potenziellen Kunden kontaktiert werden zu können. Das Ganze ist natürlich nach oben gestaffelt je nach Auftragsvolumen. Auftragnehmer aus dem Bauhandwerk, die gute Gründe für einen unbegrenzten Auftragswert haben, müssten also theoretisch um die 60 Euro jeden Monat an das Werkzeug abdrücken. Also für ein Mindestlaufjahr um die 700 Euro. Ohne überhaupt einen Auftrag im Sack zu haben oder die Garantie zu bekommen, in absehbarer Zeit einen an Land zu ziehen. Denn die Konkurrenz ist groß und die Dumping-Anbieter in der Mehrzahl.
Als ob diese Masche nicht schon dreist genug wäre – denn wer auf den Businesseintrag und die monatliche Zahlung von mindestens 19,90 Euro verzichtet, taucht im Branchenbuch nicht detailliert auf, sondern nur als anonymer Anbieter ohne Adresse und Bewertungen –, arbeitet das Werkzeug zusätzlich mit Ködern.
In den letzten zwei oder drei Wochen habe ungefähr eine Hand voll Mails bekommen, in denen ungefähr steht: „Eben hat ein interessierter Kunde Ihr Werkzeug-Profil im neuen Branchenbuch besucht und Ihre Kontaktdaten angefordert. Werden Sie jetzt B-Partner!!!“
Und im schreierischen Betreff stand heute z.B.: KUNDE DROHT MIT AUFTRAG!!!
Wenn ich also rauskriegen will, ob da tatsächlich ein interessierter Kunde traurig durch die Welt tappst und darauf wartet, ausgerechnet mit mir einen Deal abzuschließen, muss ich erst einmal 238,80 Euro berappen. Um die wieder reinzubekommen, müsste ich zwölf bis dreizehn Manuskripte lektorieren nach dem o.g. Schema. Plus minus. Es ist ja nicht damit getan, einen Auftrag zu bekommen. Denn sobald ein Auftragnehmer den Zuschlag erhält, schickt das Werkzeug schon eine Provisionsrechnung, die man schnell bezahlen darf (muss), ob man schon die Kohle verdient hat oder nicht (ich sitze noch immer auf einer solchen Rechnung, weil der entsprechende Auftrag dazu unbezahlt geblieben ist – das interessiert die aber nicht, ich kann den Mistkerl immerhin schlecht bewerten).
Es kann natürlich aber auch sein, dass da jemand gelangweilt durchs Branchenbuch klickt und wahllos und ohne ernste Absichten Kontaktdaten anfordert. Oder es könnte ja auch sein, dass die Werkzeug’schen Mitarbeiter einfach den Hals nicht voll kriegen. Wer garantiert einem denn, dass es da tatsächlich Chancen auf einen Deal gibt? Kein Mensch …
Die wollen einen also richtig aggressiv auffordern, endlich den Geldbeutel aufzumachen, ohne Gewähr. Wenn die Anfrage von der anderen Seite transparent wäre – was vielleicht so aussehen könnte, dass es zu einem Kontaktdaten-Austausch kommt (man also nicht nur seine Daten irgendwie in die Welt jagt, sondern als Gegenleistung auch die des Anfragers erhält) – könnte man vielleicht noch seriöse Absichten dahinter sehen. Aber davon ist nirgendwo die Rede. Irgendjemand klickt, und damit dieser irgendjemand erfährt, wen er da angeklickt hat, muss dieser „wen“ erst mal löhnen … Sauerei, das.
Mir juckt es in den Fingern, da anzurufen und denen zu sagen, was ich von der Strategie halte und was die mich mal können. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Lust auf eine 0900er-Nummer, die mich wahrscheinlich erst mal eine halbe Stunde in die Warteschleife steckt, ehe ich jemanden zusammenscheißen kann.
Ich finde das traurig, ärgerlich, beschissen und einfach widerlich. Als hätten wir Freien – gerade in dem Bereich – nicht schon genug zu kämpfen, weil Textarbeit an sich in den Augen vieler keinen wirklich hohen Stellenwert hat und weil es unter den „Kollegen“ noch mehr gibt, die sich einfach mal Texter/Lektor/… nennen, weil diese Berufe nicht so wirklich geschützt sind. So, als wären es Handlangerarbeiten, die eigentlich jeder auch selbst machen könnte, als wäre es eine Art von gnädiger Herablassung, wenn man einen Job bekommt und auch ein bisschen Geld dafür.
Ich bin so was von stinksauer, wie man montags nur stinksauer sein kann. Und ich werde jetzt meinen Account umgehend löschen.
Die können mich alle mal am A... lecken.

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