Vom verdammten Glück, keine Zeit zu haben
Schreiben ist ja bekanntlich eine Berufung - oder ein Beruf. Manche Berufsschreiber schreiben allerdings nicht so gerne, müssen aber, weil der Euro sonst nicht rollt. Die Berufenen haben es da besser, zumindest von der Grundstimmung her, denn wer sich selbst als zum Schreiben berufen erklärt oder empfindet, tut das meist ganz gern. Es sei denn, es ist in ihm wie eine Zwangsneurose und er muss es einfach tun, auch wenn er sich innerlich dagegen wehrt.
Mir ist aufgefallen, dass es relativ viele erfolgreiche Schreiber gibt, die auf das Schreiben an sich gut verzichten könnten, wenn es andere Möglichkeiten gäbe, die Gedanken aufs Papier zu bringen. Buchautoren zum Beispiel, die ziemlich erfolgreich mit ihren Büchern sind, müssen sie wohl oder übel schreiben, denn singen oder tanzen klappt nicht wirklich.
Ob diejenigen im Laufe der Zeit einfach die Berufung verloren haben oder zufällig wie die Jungfrau zum Kind zum Schreiben kamen und ohne Hindernisse Schallmauern durchbrachen, konnte ich nicht pauschal in Erfahrung bringen.
Auf der anderen Seite gibt es eben die Leidenschaftler, die Berufenen, die einfach schreiben und schreiben und schreiben. Und sie schreiben sich die Finger wund und werden nix. Weder bekannt noch berühmt und nicht mal kritisiert, weil all das, was aus ihren Fingern strömt, kein Schwein interessiert.
Als Lektorin habe ich oft mit beiden Seiten zu tun - denen, die ungern schreiben, aber viel damit verdienen und sich deshalb quälen und weiterschreiben, auch wenn es ihnen zum Hals raushängt, und mit denen, die schrecklich gern schreiben und noch schrecklich gerner viel damit verdienen möchten, aber nicht dürfen, weil sie entweder so oder so oder so kein Glück haben.
Neulich traf ich jemanden aus finsterer Vergangenheit. Die Freude war überraschend, das Gespräch nett, und ich erfuhr geschmeichelt davon, dass derjenige ab und an die BuchStaben besucht und verfolgt, was ich so treibe. Und dann sagte er: "Mensch, du hast doch wirklich eine geile Klaue, wieso bist du eigentlich noch nicht berühmt?"
Tja, was soll ich sagen - die Frage hat mich etwas verstört. Nicht dass ich das Kompliment nicht verstanden hätte, ich habe sogar brav dankeschön gesagt. Aber es ging mir schon ein bisschen an die Nieren. Wieso eigentlich? Woran mag es liegen?
Wenn man die Milchmädchen-Rechnung aufmacht und Fleiß mit Geduld Komma Glück multipliziert und weiß, dass am Ende Erfolg dabei herauskommt, habe ich wahrscheinlich irgendwo einen Rechenfehler gemacht - als Zahlenlegastheniker verzeihe ich mir das selbst. Oder der Rechenweg war von Anfang an falsch - möglich.
Doch ganz tief in mir und nach so vielen Jahren mit nervösen Fingern und tausenden Seiten voller Text, nach einigen längst vergessenen, aber frustigen eigenen und ganz vielen noch viel frustigeren Fremderfahrungen von anderen Autoren, nach so viel Wissen darüber, wie schwer, wie holprig und wie klinkenputzaufwändig der Weg ist, einen Text - ein Buchmanuskript, um genau zu sein - profitabel irgendwo anzubiedern, nach alle dem, was ich jetzt gar nicht aufschreiben will, weil ich Muskelkater in den Fingergelenken habe, komme ich zu dem Resultat, dass ich verdammtes Glück habe, keine Zeit zum Schreiben toller Bücher zu haben.
Denn wenn sie da wäre, diese Zeit, und ich zusähe, wie die tollen und fertigen Geschichten auf Quillionen von Datenträgern verrotteten, wenn ich selbstvergessen ein Manuskript nach dem anderen schreiben und abspeichern würde, wäre ich sicher ein ganz trauriges Näschen und fände es bald an der Zeit, das Schreiben einfach ganz zu lassen.
Oder ich biederte mich buckelnd bei Verlagen an, mit eingezogenem Kopf, und nähme freundlich dankend deren Kopfschütteln und Buh-Rufe mit nach Hause, um in tiefen Depressionen und Selbstzweifeln zu vermodern.
Das verdammte Glück, keine Zeit zum Schreiben toller und dicker Romane zu haben, weil ich Geld verdienen und deshalb anderer Leute Texte blitzblank hinbekommen muss, ist auch ein Glück, das man erst schätzen lernen muss.
Und solange ich meine tollen kleinen Bücher auch selbst drucken lassen kann, ist die Welt doch in Ordnung, oder?
Mir ist aufgefallen, dass es relativ viele erfolgreiche Schreiber gibt, die auf das Schreiben an sich gut verzichten könnten, wenn es andere Möglichkeiten gäbe, die Gedanken aufs Papier zu bringen. Buchautoren zum Beispiel, die ziemlich erfolgreich mit ihren Büchern sind, müssen sie wohl oder übel schreiben, denn singen oder tanzen klappt nicht wirklich.
Ob diejenigen im Laufe der Zeit einfach die Berufung verloren haben oder zufällig wie die Jungfrau zum Kind zum Schreiben kamen und ohne Hindernisse Schallmauern durchbrachen, konnte ich nicht pauschal in Erfahrung bringen.
Auf der anderen Seite gibt es eben die Leidenschaftler, die Berufenen, die einfach schreiben und schreiben und schreiben. Und sie schreiben sich die Finger wund und werden nix. Weder bekannt noch berühmt und nicht mal kritisiert, weil all das, was aus ihren Fingern strömt, kein Schwein interessiert.
Als Lektorin habe ich oft mit beiden Seiten zu tun - denen, die ungern schreiben, aber viel damit verdienen und sich deshalb quälen und weiterschreiben, auch wenn es ihnen zum Hals raushängt, und mit denen, die schrecklich gern schreiben und noch schrecklich gerner viel damit verdienen möchten, aber nicht dürfen, weil sie entweder so oder so oder so kein Glück haben.
Neulich traf ich jemanden aus finsterer Vergangenheit. Die Freude war überraschend, das Gespräch nett, und ich erfuhr geschmeichelt davon, dass derjenige ab und an die BuchStaben besucht und verfolgt, was ich so treibe. Und dann sagte er: "Mensch, du hast doch wirklich eine geile Klaue, wieso bist du eigentlich noch nicht berühmt?"
Tja, was soll ich sagen - die Frage hat mich etwas verstört. Nicht dass ich das Kompliment nicht verstanden hätte, ich habe sogar brav dankeschön gesagt. Aber es ging mir schon ein bisschen an die Nieren. Wieso eigentlich? Woran mag es liegen?
Wenn man die Milchmädchen-Rechnung aufmacht und Fleiß mit Geduld Komma Glück multipliziert und weiß, dass am Ende Erfolg dabei herauskommt, habe ich wahrscheinlich irgendwo einen Rechenfehler gemacht - als Zahlenlegastheniker verzeihe ich mir das selbst. Oder der Rechenweg war von Anfang an falsch - möglich.
Doch ganz tief in mir und nach so vielen Jahren mit nervösen Fingern und tausenden Seiten voller Text, nach einigen längst vergessenen, aber frustigen eigenen und ganz vielen noch viel frustigeren Fremderfahrungen von anderen Autoren, nach so viel Wissen darüber, wie schwer, wie holprig und wie klinkenputzaufwändig der Weg ist, einen Text - ein Buchmanuskript, um genau zu sein - profitabel irgendwo anzubiedern, nach alle dem, was ich jetzt gar nicht aufschreiben will, weil ich Muskelkater in den Fingergelenken habe, komme ich zu dem Resultat, dass ich verdammtes Glück habe, keine Zeit zum Schreiben toller Bücher zu haben.
Denn wenn sie da wäre, diese Zeit, und ich zusähe, wie die tollen und fertigen Geschichten auf Quillionen von Datenträgern verrotteten, wenn ich selbstvergessen ein Manuskript nach dem anderen schreiben und abspeichern würde, wäre ich sicher ein ganz trauriges Näschen und fände es bald an der Zeit, das Schreiben einfach ganz zu lassen.
Oder ich biederte mich buckelnd bei Verlagen an, mit eingezogenem Kopf, und nähme freundlich dankend deren Kopfschütteln und Buh-Rufe mit nach Hause, um in tiefen Depressionen und Selbstzweifeln zu vermodern.
Das verdammte Glück, keine Zeit zum Schreiben toller und dicker Romane zu haben, weil ich Geld verdienen und deshalb anderer Leute Texte blitzblank hinbekommen muss, ist auch ein Glück, das man erst schätzen lernen muss.
Und solange ich meine tollen kleinen Bücher auch selbst drucken lassen kann, ist die Welt doch in Ordnung, oder?
SabineD - 29. Jul, 12:01
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recono - 30. Jul, 04:26
Weißt du, was ich richtig schlimm finde? Abgesehen natürlich vom lahmarschigen Literaturbetrieb und dieses Gefühl Praktikanten ausgeliefert zu sein und dieses ganze bla ... dass das Web voll von käsigen Literaturforen und Literaturseiten ist und wer mal ein Anthologiebeitrag veröffentlicht hat, gibt gleich selbst Schreibkurse.
Ich weiß, ich bin jetzt fies und sicher auch ein bisschen ungerecht, aber ganz ehrlich. Ich würde den Teufel tun und einen Schreibkurs buchen, wenn der oder diejenige nicht ne ganze Latte an Veröffentlichungen vorzuweisen hätte. In ordentlicher Buchform.
Ich lese diesen ganzen Käse überhaupt nicht mehr und habe weder Newsletter abonniert, noch interessiert es mich was selbsternannte Experten schreiben. Ich habe auch nicht die geringste Lust an Wettbewerben teilzunehmen, mich auf Teufel komm raus bekannt zu machen - ich leb ganz gut anonym - oder irgendjemanden in den Hintern zu kriechen. Manchmal wünsche ich mir, das Ende des Internets könne tatsächlich erreicht werden haha - wenn dann das nächste Literaturforum live gehen will steht dann da: Sorry - keine Kapazitäten frei oder was in der Art. What a laugh.
Unterm Strich bleibt für mich stehen - wie bei allen Dingen im Leben - es kommt wie es kommt und darauf habe ich sehr wenig Einfluss.
Ich schreibe, wenn ich Lust dazu habe und fertig. Manchmal schreibe ich Wochen nichts und kann gut damit leben. Der Drang zu schreiben ist immer da, aber in großen Abständen und wenn ich nie ordentlich veröffentlicht werde, ist mein Leben dennoch nicht sinnlos.
Cheers
Madam-Oz
Ich weiß, ich bin jetzt fies und sicher auch ein bisschen ungerecht, aber ganz ehrlich. Ich würde den Teufel tun und einen Schreibkurs buchen, wenn der oder diejenige nicht ne ganze Latte an Veröffentlichungen vorzuweisen hätte. In ordentlicher Buchform.
Ich lese diesen ganzen Käse überhaupt nicht mehr und habe weder Newsletter abonniert, noch interessiert es mich was selbsternannte Experten schreiben. Ich habe auch nicht die geringste Lust an Wettbewerben teilzunehmen, mich auf Teufel komm raus bekannt zu machen - ich leb ganz gut anonym - oder irgendjemanden in den Hintern zu kriechen. Manchmal wünsche ich mir, das Ende des Internets könne tatsächlich erreicht werden haha - wenn dann das nächste Literaturforum live gehen will steht dann da: Sorry - keine Kapazitäten frei oder was in der Art. What a laugh.
Unterm Strich bleibt für mich stehen - wie bei allen Dingen im Leben - es kommt wie es kommt und darauf habe ich sehr wenig Einfluss.
Ich schreibe, wenn ich Lust dazu habe und fertig. Manchmal schreibe ich Wochen nichts und kann gut damit leben. Der Drang zu schreiben ist immer da, aber in großen Abständen und wenn ich nie ordentlich veröffentlicht werde, ist mein Leben dennoch nicht sinnlos.
Cheers
Madam-Oz
SabineD - 30. Jul, 08:01
"...gibt gleich selbst Schreibkurse"
Wir sind dumm, weißt du. Wir sollten das machen - Schreib- und Trostkurse geben. Wir machen zusammen noch'n Forum auf und bieten psychologische Autorentrauerbegleitung an. Also aufmunternde Worte bei Absagen, Bauchpinseleien für Scheißgeschichten, dann nehmen wir noch Geld für Tipps, wie man Normseiten und so'n Zeug einrichtet und verbünden uns mit irgendeinem Zuschussverlag - so als letzte Hoffnung für alle verkannten Genies dieser Welt - und kassieren fette Provisionen von dem für vermittelte Autoren.
Und dann setzen wir uns finanziell sorglos hin und schreiben tolle Bücher und werden weltberühmt und steinreich.
So machen wir's, okay?
(Nein, ich trinke nichts am Morgen, ich trinke zur Zeit überhaupt nicht, ha ha)
Wir sind dumm, weißt du. Wir sollten das machen - Schreib- und Trostkurse geben. Wir machen zusammen noch'n Forum auf und bieten psychologische Autorentrauerbegleitung an. Also aufmunternde Worte bei Absagen, Bauchpinseleien für Scheißgeschichten, dann nehmen wir noch Geld für Tipps, wie man Normseiten und so'n Zeug einrichtet und verbünden uns mit irgendeinem Zuschussverlag - so als letzte Hoffnung für alle verkannten Genies dieser Welt - und kassieren fette Provisionen von dem für vermittelte Autoren.
Und dann setzen wir uns finanziell sorglos hin und schreiben tolle Bücher und werden weltberühmt und steinreich.
So machen wir's, okay?
(Nein, ich trinke nichts am Morgen, ich trinke zur Zeit überhaupt nicht, ha ha)


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