24. 09. 09

Und keiner hat was gemerkt

Manchmal dauert es eine Weile, bis ich aktuelle Nachrichten verstanden und durchdacht habe und kommentierbereit bin. Das Alter ...

Nach Winnenden wollte ich eigentlich keinen Piep mehr zu Amokläufern sagen, weil mich das durch die Medien ausgelöste Massenelend zunehmend ankotzt und jeder irgendeinen schlauen Satz zu sagen hat, der so wenig ungeschehen macht wie präventiert.

Da sagte ein Mitschüler: „Er war ein ruhiger Typ, zurückhaltend, in den Pausen saß er immer alleine in der Aula.“
Und keiner hat was gemerkt??? Gibt’s doch nicht.
Die B-Hörnchen Zeitung schreibt aufklärenderweise: "Die Polizei stellte den Computer des Jugendlichen sicher und ein Schreiben, das auf die offenbar geplante Tat hinweist. Laut „Bayerischer Rundfunk“ ist darin von einer bevorstehenden „Apokalypse“ die Rede. Zudem soll er sich in psychotherapeutischer Behandlung befunden haben."
Das erklärt natürlich alles. Und ich bin mal wieder froh, dass keiner auf meinem PC rumstöbert, sonst säße ich schon längst fixiert und sediert in einer geschlossenen Anstaltszelle.

Weiteres Indiz: "Der 18-Jährige hört Heavy Metal, kam stets in einem schwarzen Mantel zur Schule, den er auch während seines Amoklaufs trug."
Ich erinnere mich: Als Schülerin hörte ich permanent Hard und Heavey Metal und Co. und trug schwarze Ledermäntel (und Stiefel), die trage ich heute noch – ich liebte lang und schwarz schon lange, bevor es Matrix gab.

NATÜRLICH hat keiner was gemerkt. Wie auch? Welche Mom kriegt ihre Brut schon im Kreissaal in die Arme gelegt mit den Worten: „Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Amokläufer.“

Das sind Dinge, die sind wirklich nicht toll, aber das Phänomen "Amok" ist uralt. Darüber kann man sich belesen, und früher stand weder Mobbing als Motiv im Raum noch waren Killerspiele und Co. zur Hand
Wir sind doch alle mehr oder weniger gefährdet, irgendwann ins Brüten und anschließend ins Rasen zu geraten.

Ich verstehe wirklich nicht, warum diese Fälle heute so ausgeschlachtet werden. Viel mehr glaube ich, dass gerade diese Wichtignehmerei Motiv dafür sein könnte, das so was - zunehmend in Schulen oder Schülerkreisen - auftritt.
Menschen mit Kaputt innen, die Aufmerksamkeit suchen, greifen zu Dingen, die Aufmerksamkeit wecken.

Und die Welt um uns ist heute so laut, da muss man schon mal laut AMOK schreien, wenn man gehört werden will.

Ach so, wir haben ja Schuldige, z.B. Killerspiele, vor allem aber Computer an sich. Die sind schuld. Keine PCs und Konsolen = keine Killerspiele = keine Amokläufer. So siehts nämlich aus. Hätte Georg R. nur ne Schreibmaschine gehabt, wäre das nämlich nicht so passiert.

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recono - 25. Sep, 06:32

Dann würd er noch mit eingeklemmten Fingern zwischen den Tasten sitzen und fluchen ;-)

Eddie Vedder von Pearl Jam sagte die Tage in einem Interview, er wäre sehr froh, dass er seine Wut in kreative Energie umsetzen konnte, statt sich wie Cobain das Leben zu nehmen. Klar, ist ein anderer Zusammenhang, geht aber auch um (Selbst)Zerstörung.

Ausgeschlachtet, ja sicher werden sie das. Ich überlege nur gerade, wenn es an der Schule meines Sohnes passieren würde, würde ich nicht wollen, dass nicht darüber berichtet wird. Setzt das nicht auch ein falsches Zeichen für die betroffenen Schüler? Nach dem Motto, das ist so was von Schlimm, darüber redet man nicht? Oder umgekehrt ... schon Normalität?

Niemand scheint eine Antwort zu haben. Was mich allerdings auch immer stört, ist die Aussage ... ganz normales Elternhaus ... was bitte ist das?

SabineD - 25. Sep, 08:23

Darüber berichten ist eins, denke ich. Was in den letzten Jahren allerdings drumherum passiert, finde ich zu heftig. Nach Winnenden gab es auch an den Schulen, in denen meine Kids sind, einige Androhungen, weil irgendwelche Dumpfbacken glaubten, sie könnten jetzt über SchülerVZ jetzt Rock'n'Roll machen. Das Mädchen wollte sogar daheim bleiben vor Panik. Das sehe ich als ein Resultat dieses Medienwahns an. Und das wiederum halte ich für hausgemacht durch dieses zwanghafte mit-der-Nase-draufstoßen. Je mehr Aufhebens darum gemacht wird, umso größer sehe ich das Risiko, den einen oder anderen erst auf dumme Ideen zu bringen, auf die er bei diskreterer Berichterstattung vielleicht gar nicht gekommen wäre.

Ach, ich weiß auch nicht. Manchmal vermisse ich die Zeiten, als die Nachrichten noch sachlich und gefühlsneutral unters Volk gekippt wurden und man sich ganz alleine aussuchen konnte, über was man sich aufregen will, ohne ein Empörungsdiktat durch Schlüsselwörter.
recono - 25. Sep, 16:23

Ja, als ich Kind war gabs diese seriös gekleideten Nachrichtensprecher, die mit dem grauen Hintergrund verschmolzen und warum meine Eltern ewig Nachrichten guckten, war mir ein absolutes Rätsel.
Meine Welt war so schön. Stundenlang draußen sein, spielen und so, nach Hause kommen, baden, essen und ansonsten nix kapieren. Herrlich.

Heute wird schon ein Kindergartenkind ständig benudelt. Vielleicht liegts auch daran.

Filinchen (Gast) - 26. Sep, 13:11

"Meine Welt war so schön. Stundenlang..."
Diese Sätze bringen eine Saite in mir zum Klingen. Ja, ich glaube, Kindheit war damals schöner und unkomplizierter. Aber warum?
So ganz spontan kam mir der Einfall, daß wir nicht diesen hohen Erwartungshaltungen ausgesetzt waren, die Eltern heute haben. Kinder waren früher gottgegeben und auch eine Art Zufallprodukt, man bekam sie oder man bekam sie nicht. Sie wurden gekleidet, ernährt und nach einem ziemlich schlichten Strickmuster erzogen. In der Regel war das Ergebnis "vorzeigbar". Ganz anders heute. Die Kinder sind geplant, Wunschkinder und müssen das erreichen, was ihren Eltern verwehrt wurde. Eine ganze "Industrie" lebt davon, Eltern zu beraten und damit auch extrem zu verunsichern. Instinkt wird ausgeschaltet, jeder Pups hinterfragt, gedeutet und beurteilt. Es ist heute wirklich nicht einfach Mutter oder Kind zu sein.

Ich glaube, daß ich schon vor Monaten hier dieses Buch (nach Winnenden) empfohlen habe:
Jodi Picoult - 19 Minuten.
SabineD - 28. Sep, 19:29

Das Ergebnis war vorzeigbar! Das ist wie auf den Punkt gebracht ;)
Die psychologische Kuschelerziehungsmentalität hat vielleicht das eine oder andere Kind davor bewahrt, den "Hintern" voll zu kriegen, aber wahrscheinlich hat sie auch einiges verdorben. Davon gehe ich mal aus.
Kratzbürste - 25. Sep, 19:23

Hach ja. Das leidige Thema. Dieses zwanghafte Suchen nach einem Raster. Auf wieviele trifft das zu? Und wieviele davon ticken aus? Eben!
Sie sollten das alles nicht so breittreten. Es gibt Leute da draußen, für die sind diese Typen Helden. Und durch diese ganzen Berichterstattungen kommen die erst drauf, es ihnen gleichzutun.

SabineD - 28. Sep, 19:29

Also schweigen wir es still.

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